Cushing-Syndrom beim Hund

Wenn sich jedoch in der Hirnanhangsdrüse oder in den Nebennieren (kleine bohnenförmige, hormonbildende Organe am vorderen Pol der Nieren) Tumoren entwickelt haben, wird zu viel Kortisol gebildet. Das daraus resultierende Krankheitsbild wird als Die „mein HAUSTIER“-Redaktion hat sich beim Hormonspezialisten Dr. Florian Zeugswetter über Krankheitsanzeichen, Testverfahren und Therapiemöglichkeiten beim Cushing-Syndrom informiert.

Wie häufig ist diese Erkrankung und kommt sie nur beim Hund vor oder leiden auch Katzen darunter?

Dr. Zeugswetter: Cushing ist die häufigste hormonelle Erkrankung des Hundes, Katzen leiden sehr selten darunter. Innerhalb von acht Jahren hatten wir an der Hormonambulanz nur fünf Katzen mit Cushing-Syndrom, im gleichen Zeitraum jedoch über 200 Hunde.

Gibt es Rassen, die für diese Erkrankung besonders prädisponiert sind und spielt auch das Geschlecht eine Rolle?

Dr. Zeugswetter: Generell kann man sagen, dass von dieser Erkrankung eher ältere Tiere betroffen sind und hier besonders häufig kleine Rassen, wie Dackel, Pudel und kleine Terrier – ob männlich oder weiblich spielt keine wesentliche Rolle.

Die Ursache fürs Cushing-Syndrom sind Tumoren in der Hirnanhangsdrüse und in den Nebennieren. Sind beide Organe gleichermaßen betroffen?

Dr. Zeugswetter: Nein, in 85 Prozent aller Fälle sitzen dieTumoren in der Hirnanhangsdrüse. Es sind meist kleine gutartige Knötchen, die aber wachsen und zu neurologischen Symptomen führen können. Bei den restlichen 15 Prozent handelt es sich um Tumoren der Nebennieren, die zur Hälfte bösartig sind und zu lokalem infiltrativem Wachstum und Metastasenbildung neigen.

Welche Symptome fallen den Tierbesitzern auf und veranlassen sie, beim Tierarzt Hilfe zu suchen?

Dr. Zeugswetter: Typischerweise entwickeln die Hunde einen extremen Heißhunger, trinken übermäßig viel und setzen dem- entsprechend große Harnmengen ab. Ich hatte einmal einen Cushing-Fall mit einem 30 kg schweren Hund, der täglich 14 Liter Wasser trank. Natürlich musste er oft urinieren und konnte die Nacht nicht durchhalten – eine große Belastung auch für die Hundehalter. Dieses exzessive Trinken ist sicherlich der häufigste Grund für die Vorstellung beim Tierarzt. Aber aufmerksame Tierbesitzer bemerken auch, dass der vierbeinige Freund schnell ermüdet und viel schläft. Die Tiere werden träge, gleichgültig, ja manchmal geradezu depressiv. Auch das Aussehen des CushingHundes verändert sich, da das durch die Krankheit übermäßig produzierte Kortisol zu einer Umverteilung der Fettdepots in den Bauchbereich und zur Erschlaffung der Bauchmuskulatur führt. Es entsteht rasch der typische dicke Hängebauch mit dem nach unten durchhängenden Rücken. Die zum Krankheitsbild gehörende Lebervergrößerung trägt zusätzlich zum Erscheinungsbild des dicken Bauches bei. Als Folge der Fettumverteilung haben die Tiere oft auffallend dünne Beine. Leider hat Kortisol eine stark abbauende Wirkung auf den Organismus, so dass es zu Muskelschwäche und Muskelschwund kommt. Besonders davon betroffen sind, wie schon gesagt, die Bauch-, aber auch die Rücken-, Kau- und Oberschenkelmuskulatur. Die Haut der betroffenen Hunde wird sehr dünn und vor allem am Bauch treten dadurch die Venen deutlich hervor. Erst beim chronischen Krankheitsverlauf kommt es zum beidseitigen, meist symmetrischen Haarausfall am Rumpf und an Schwanz und Ohren. Dieses Symptom sieht man heutzutage allerdings viel seltener, da Tierbesitzer generell früher einen Tierarzt aufsuchen.

Sie haben erwähnt, dass auch neurologische Symptome möglich sind. Wie äußern sich diese?

Dr. Zeugswetter: Neurologische Symptome treten bei ungefähr 10 Prozent der Cushing-Fälle auf. Der Grund dafür ist meistens, dass der größer gewordene Tumor der Hirnanhangsdrüse nach oben aufs Gehirn drückt. Es kann zu Wesensveränderungen wie plötzlicher Aggressivität kommen, Drangwandern kann auftreten, oder der Hund will nicht mehr fressen und verweigert das Trinken – also ganz konträr zu den Symptomen zu Beginn der Erkrankung.

Welche diagnostischen Möglichkeiten hat der Tierarzt, wenn bei einem Hund Cushing-Verdacht besteht?

Dr. Zeugswetter: Am wichtigsten sind die genannten klinischen Symptome! Die Tests dienen dann zur Bestätigung der Diagnose. Als erstes sollte der Kortisol-Gehalt im Harn bestimmt werden. Wenn der Harn nur wenig Kortisol enthält, weiß man, dass der Hund nicht am Cushing-Syndrom leidet. Weitere Tests sind dann nicht mehr nötig. Fällt der Harntest jedoch positiv aus, besteht die Möglichkeit, dass das Tier das Cushing-Syndrom hat. Da der sehr spezifische ACTH Stimulations-Test derzeit in ganz Europa nicht durchgeführt werden kann, da das dazu notwendige Reagenz nicht lieferbar ist, ist der nächste Schritt der Dexamethason-Test. Dabei wird dem vierbeinigen Patienten ein synthetisches Kortisol gespritzt und dreimal im Abstand von jeweils vier Stunden Blut abgenommen. Ein gesunder Organismus erkennt dann, dass bereits genügend Kortisol im Blut ist und produziert kein eigenes mehr. Besteht jedoch ein Tumor der Nebenniere oder der Hirnanhangsdrüse, wird trotzdem weiter körpereigenes Kortisol produziert und das Testergebnis ist positiv. Jetzt muss durch einen Bauchultraschall die Cushing-Art herausgefunden werden. Bezüglich des Harntests sollte man wissen, dass Werte verschiedener Labors nicht vergleichbar sind, da die Ergebnisse vom jeweiligen Messsystem abhängen. Kontrollen müssen also immer im gleichen Labor stattfinden.

Was halten Sie von der Möglichkeit, die Haaranalyse zur Cushing-Diagnose heranzuziehen, also den Kortisol-Gehalt in den Haaren festzustellen?

Dr. Zeugswetter: Diese Methode ist noch lange nicht ausgereift; dafür muss noch viel geforscht werden. Eines der Hauptprobleme ist, dass auch die Haut selbst Kortisol bilden kann, weshalb die Werte in den Haaren nicht mit denen im Blut übereinstimmen müssen. Auch die Haarfarbe spielt eine Rolle: So haben schwarze Hunde niedrigere Kortisol-Werte in den Haaren als helle Hunde. Auch die Rasse könnte eine Rolle spielen. Es wird noch jahrelange Forschung nötig sein, bis diese Methode – wenn überhaupt – praxisreif sein wird.

Dr. Florian Zeugswetter Veterinärmedizinische  Universität Wien, Klinik für Kleintiere, Abteilung für Interne Medizin „Endokrinologische Ambulanz“
Dr. Florian Zeugswetter
Veterinärmedizinische Universität Wien, Klinik für Kleintiere, Abteilung für Interne Medizin „Endokrinologische Ambulanz“

Welche Möglichkeiten der Behandlung gibt es, wenn die Diagnose „Cushing-Syndrom“ feststeht?

Dr. Zeugswetter: Wenn Tumoren der Nebennieren die Auslöser der Krankheit sind, und der Tumor noch nicht in die umliegenden großen Blutgefäße eingewachsen ist, sollte die tumoröse Nebenniere möglichst schnell herausoperiert werden. Ist das Cushing-Syndrom jedoch durch Tumoren der Hirnanhangsdrüse verursacht, gibt es ein sehr nebenwirkungsarmes und in der Anwendung überaus sicheres Medikament mit dem Wirkstoff „Trilostan“. Die Praxis hat gezeigt, dass bereits wesentlich geringere Dosierungen als im Beipackzettel angegeben ausreichen, wodurch die Nebenwirkungsrate auf 5 Prozent gesenkt werden konnte. Die Therapie muss lebenslang erfolgen. Trilostan beeinflusst das Krankheitsgeschehen auch bei nichtoperablen Tumoren der Nebennieren positiv. Ein großer Tumor in der Hirnanhangsdrüse kann durch Bestrahlungstherapie verkleinert werden.

Wie kann der Tierbesitzer zur Genesung seines Hundes beitragen?

Dr. Zeugswetter: Ein wichtiger Punkt ist, die Muskelmasse des Hundes wieder aufzubauen. Dies kann durch aktives Bewegungstraining wie Spaziergänge oder schwimmen, aber auch durch passive Bewegungsübungen und Physiotherapie erfolgen. Da bei Cushing-Hunden das Immunsystem geschwächt ist, sollten Herrchen und Frauchen den Hund gut beobachten und diesen auch bei kleinen Wehwehchen sofort zum Tierarzt bringen. Außerdem können im Laufe der Therapie Krankheiten, die durch das Übermaß an Kortisol maskiert waren, akut werden. Besonders zu erwähnen sind hier Entzündungen der Blase und der Haut sowie Gelenksschmerzen. Diese durch die Cushing-Therapie demaskierten Erkrankungen können und müssen nun gezielt behandelt werden. Es ist jedoch wichtig, dies nicht mit Nebenwirkungen von Trilostan zu verwechseln. Eine halbjährliche Kontrolle beim Tierarzt muss eingehalten werden, um Anpassungen der Dosierung vornehmen zu können.