Chronische Magen-Darmerkrankungen

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa auch beim Hund?

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind zwei chronisch entzündliche Darmerkrankungen beim Menschen, die unter dem Sammelbegriff der IBD (inflammatory bowel disease) zusammengefasst werden. Während Morbus Crohn alle Teile des Magen-Darmtraktes betrifft, beschränken sich die Veränderungen bei der Colitis ulcerosa auf den Dickdarm. Ähnlich wie Menschen können auch Hunde an chronischen Magen-Darm-erkrankungen leiden. Charakterisiert wird die IBD beim Hund durch über drei Wochen andauernde oder immer wiederkehrende gastrointestinale Symptome wie Appetitverlust, Erbrechen, Durchfall und/oder Gewichtsverlust. Es gibt Hunde, bei denen eher der Dünndarm betroffen ist, und andere, bei denen es auch zu Entzündungen des Dickdarms kommt. Für Erbrechen und Durchfall gibt es aber noch Dutzende andere Ursachen – z.B. Leber- und Nierenerkrankungen, Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, Parasitenbefall oder Tumoren im Magen-Darmtrakt. Um die Diagnose einer IBD stellen zu können, müssen diese vorab durch genaue Untersuchungen ausgeschlossen werden.

Vererbung und Umwelteinflüsse spielen eine Rolle

Wir beginnen erst langsam zu verstehen, warum chronisch entzündliche Darmerkrankungen entstehen. Die „menschliche“ und „tierische“ Form der IBD gleichen sich zwar in vielen Aspekten, unterscheiden sich aber in anderen wieder deutlich. Die Ursachen scheinen allerdings bei Mensch und Tier ähnlich zu sein. Zurzeit geht man davon aus, dass sowohl Vererbung als auch Umwelteinflüsse zu einer Fehlsteuerung des darmeigenen Immunsystems führen, wodurch eine chronische Entzündung ausgelöst wird. Es kommt zu einer Einwanderung von Entzündungszellen in die Darmschleimhaut, die sich dauerhaft verdickt und später auch vernarben kann. In der Humanmedizin ist bekannt, dass Menschen mit bestimmten Genveränderungen ein erhöhtes Krankheitsrisiko aufweisen. Diese Genveränderungen befinden sich am häufigsten in Bereichen, in denen Informationen über das Immunsystem festgelegt sind. Für eine genetische Komponente beim Hund spricht, dass bestimmte Hunderassen (z.B. Yorkshire Terrier, Boxer, Deutscher Schäferhund) häufiger betroffen sind als andere. Die Zucht der modernen Hunderassen hat zu einem Anstieg an Erbkrankheiten bei einzelnen Rassen geführt, wodurch die betroffenen Rassen aber auch ideale Voraussetzungen bieten, um die genetische Basis dieser Krankheiten zu erforschen. Beim deutschen Schäferhund konnten Genvarianten, die den Krankheitsausbruch begünstigen, bereits nachgewiesen werden.

Da die IBD seit einigen Jahrzehnten immer häufiger bei Mensch und Tier auftritt, scheinen aber auch Umweltfaktoren eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der Krankheit zu spielen.

Spezialfall „Yorkshire Terrier“

Der Yorkshire Terrier nimmt im Rahmen der IBD des Hundes eine Sonderstellung ein. Zusätzlich zu den typischen entzündlichen Veränderungen in Magen-Darmbiopsien zeigen Yorkshire Terrier häufig auch eine Weitstellung der Lymphgefäße und Mikroabszesse in der Darmschleimhaut. Betroffene Hunde leiden in diesem Fall nicht nur an chronischen Magen-Darmbeschwerden, sondern auch an einem Eiweißmangel, da Eiweiß über die geschädigte Darmschleimhaut verloren geht. Das kann in drastischen Fällen zu Flüssigkeitsansammlungen unter der Haut, im Bauch- oder sogar im Brustraum führen. Im Moment ist noch nicht geklärt, ob diese spezielle Form der Eiweiß-Verlust-Enteropathie eine Sonderform der IBD oder eine eigenständige Erkrankung darstellt. Beim Menschen sind angeborene Missbildungen der Darm-Lymphgefäße, die mit ähnlichen Symptomen einhergehen, beschrieben. Es handelt sich um die sogenannte primäre intestinale Lymphangiektasie, eine seltene erbliche Erkrankung.

Unterschiedliche Therapie bei Mensch und Hund

Ein Unterschied zwischen der „tierischen“ und der „menschlichen“ IBD ist das ungleiche Ansprechen auf verschiedene Behandlungsstrategien. Während beim Menschen möglichst früh mit entzündungshemmenden Medikamenten begonnen wird, sprechen viele Hunde mit IBD bereits auf eine strikte Diät an. Das Prinzip einer IBD-Diät ist es, dem darmeigenen Immunsystem eine völlig neue Eiweißquelle (Einzelproteindiät) oder eine chemisch aufgespaltene (hydrolysierte) Eiweißquelle zu präsentieren. Dadurch entfällt eine Stimulation des Immunsystems, und der Entzündungskreislauf wird unterbrochen. Beim Spezialfall Yorkshire Terrier ist allerdings noch nicht geklärt, ob diese Standard-IBD-Diät die beste Therapieoption darstellt. Bei der primären intestinalen Lymphangiektasie des Menschen führt eine fett-reduzierte, leicht verdauliche Diät zu den besten Behandlungserfolgen. Berichte über Diäterfolge bei der Yorkshire Terrier-IBD sind in diesem Fall widersprüchlich. Vierbeinige IBD-Patienten, die nicht auf Diät alleine ansprechen, werden wiederum ähnlich wie in der Humanmedizin mit entzündungshemmenden Medikamenten (oftmals Kortison) behandelt.

Studie zur IBD beim Yorkshire Terrier

Ideal wären Parameter, die ein Ansprechen auf bestimmte Therapieformen voraussagen könnten. In der Humanmedizin wird verstärkt nach solchen Parametern, sogenannten Biomarkern, gesucht.

Auch beim Hund rücken Biomarker in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus des Interesses. Noch ist allerdings nicht bekannt, welche Parameter aus Blut, Harn oder Kot die Diagnosestellung und Entscheidung über die zu verordnende Therapie bei der IBD des Hundes verbessern können.

All diese ungeklärten Fragen haben uns dazu bewogen, die IBD des Yorkshire Terriers näher zu untersuchen. Daher führen wir an der Kleintierklinik der Veterinärmedizinischen Universität Wien eine Studie durch.

In dieser Studie bestimmen wir den Genotypus von gesunden und an IBD leidenden Yorkshire Terriern. Das gibt uns die Möglichkeit, genetische Faktoren für die Entstehung der IBD zu erkennen. In Folge hoffen wir, einen Gentest entwickeln zu können, der betroffene Tiere mittels einer Blutprobe erkennt, um langfristig eine Reduktion der Erkrankung bei Yorkshire Terriern zu ermöglichen.

Außerdem bestimmen wir verschiedene Biomarker aus Blut- und Kotproben. Dabei handelt es sich um Entzündungsmarker und Parameter, die einen Eiweiß-Verlust über den Darm anzeigen. Wir wollen den Zusammenhang der Konzentrationen dieser Biomarker mit verschiedenen Aspekten der IBD – z.B. Grad und Art der Entzündung, Ansprechen auf bestimmte Medikamente oder Diäten sowie das Verhalten im Therapieverlauf – untersuchen. Diese Biomarker sollen in Zukunft die Diagnostik und Therapie der IBD verbessern.

Unsere Studie beinhaltet zudem den Vergleich von zwei verschiedenen Diäten. Im Anschluss an die IBD-Diagnose werden betroffene Hunde nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt und mit unterschiedlichen Diätfuttermitteln behandelt. Beide Futtermittel sind für chronische Magen-Darmerkrankungen empfohlen. Es handelt sich einerseits um eine hydrolysierte (IBD), andererseits um eine fett-reduzierte, leicht verdauliche (Lymphangiektasie) Diät. Die Studie soll eine bessere Ernährungsempfehlung für die IBD des Yorkshire Terriers ermöglichen.

Von Dr. med. vet. Alexandra Galler
Klinische Abteilung für Interne Medizin Kleintiere, Veterinärmedizinische Universität Wien