Bypass-Operation bei verstopften Harnleitern

Künstliche Verbindung der Niere mit der Blase

Wenn man Bypass liest, denkt man automatisch an das Herz – werden doch die meisten Bypässe am Herzen verlegt, um den lebenswichtigen Blutfluss für die Herzernährung wieder herzustellen. Aber nicht weniger wichtig ist der ungehinderte Harnfluss. Die Niere produziert den Harn und dieser fließt über den Harnleiter (Ureter) zur Harnblase. Die Harnblase dient als Speicher für den Harn, der dann willkürlich über die Harnröhre ins Freie abgesetzt wird. Die Harnwege müssen in ihrer Gesamtheit immer frei durchgängig sein. Im Falle Ihrer Verstopfung, zum Beispiel durch Steine, kommt es zu einer Vergiftung mit harnpflichtigen Stoffen im Blut.

Katzen und Hunde leiden sehr häufig unter Harnsteinen. Diese finden sich vermehrt in der Harnblase und können die Harnröhre verstopfen. Kater und Rüden sind von dem Problem noch stärker betroffen als weibliche Tiere. Es ist dies eine lebensgefährliche Situation, die unverzüglich behandelt werden muss. Über Steine in der Harnblase und Harnröhre sind viele Tierhalter bereits gut informiert. Weniger bekannt sind jedoch Harnsteine, die im Harnleiter zu liegen kommen und so den Harn gar nicht oder nur teilweise aus der Niere abfließen lassen. Da Hunde und Katzen uns leider nicht mitteilen können, dass sie Schmerzen in der Nierengegend haben, bleibt dies oft längere Zeit unentdeckt, bis schließlich ein kleines Steinchen in den Harnleiter rutscht und dort liegen bleibt. Dies führt zum Harnrückstau im Harnleiter und in der zugehörigen Niere und in weiterer Folge zu Hydronephrose (Wassersackniere) mit Erweiterung des Nierenbeckens. Unbehandelt sterben betroffene Tiere an Urämie (Harnvergiftung).

Eine Verstopfung der Harnleiter wird bei Katzen häufiger beobachtet als bei Hunden. Man erklärt sich dies einerseits mit der Zartheit des kätzischen Harnleiters (Ureter), andererseits mit der Zusammensetzung der Harnsteine. Diese bestehen bei Samtpfoten meist aus Calziumoxalat, das medizinisch nicht aufgelöst und diätetisch nicht beeinflusst werden kann.

Unspezifische Symptome bei Katzen

Während Hunde mit einem verstopften Harnleiter meist typische, auf den Harntrakt deutende Symptome – wie Blutharnen und häufiges zwanghaftes Urinieren – zeigen, sind die Anzeichen bei Katzen unspezifisch. Betroffene Samtpfoten sind
lethargisch, appetitlos, magern ab und leiden unter Erbrechen. Dies erschwert die Diagnosestellung, wodurch die lebensrettende Operation häufig verzögert wird.

Harnleiter-Bypass rettet Kater Wuschl

Wuschl, ein jetzt 5-jähriger, kastrierter, langhaariger Kater wurde vor einem Jahr von seinen Besitzern verzweifelt ins Tierspital der Vetmeduni Wien gebracht. Sein Frauchen berichtete, dass Wuschl im Dezember 2016 zu erbrechen begann und in seinem gesamten Verhalten plötzlich sehr verändert war. Er verhielt sich einerseits träge und zog sich zurück, suchte aber gleichzeitig auch wieder
sehr viel Wärme und Nähe zu seinen Besitzern. Auffällig war zudem die Sphinxstellung, die er immer wieder einnahm, aber vor allem das Erbrechen zeigte deutlich, dass etwas nicht stimmte. Der Haustierarzt, der den Kater abtastete und Blut abnahm, riet dazu, eine Kollegin aufzusuchen, um eine Ultraschall-Untersuchung  des Bauchraums zu machen. Dabei zeigte sich, dass eine massive Problematik im Bereich des Harntrakts vorlag. Wuschl litt an einer Hydronephrose mit beidseits verbreiterten Harnleitern. Die Laborwerte der Blutuntersuchung zeigten, dass die Nierenwerte sehr hoch waren, weshalb der Haustierarzt vorschlug, Wuschl durch Euthanasie („Einschläferung“) zu erlösen. Da Wuschls Herrchen und Frauchen sehr an dem Kater hängen, brachten sie ihn zu uns an die Klinik. Hier war schnell die Diagnose gestellt: beidseitige Nierenbeckenerweiterung mit beginnender Hydronephrose infolge Urolithiasis (Harnsteine) in den Harnleitern und damit einhergehende Harnvergiftung. Die Internisten empfahlen eine dreitägige Infusionstherapie. Denn erst wenn sich dadurch der Kreatininwert deutlich verringert, können in so einem Fall weitere Therapieschritte geplant werden. Glücklicherweise hat Wuschl auf die konservative internistische Therapie gut angesprochen. Infusionen und Medikamente haben ihn wieder auf die Beine und die Harnvergiftung unter Kontrolle gebracht. Den Harnfluss durch beide Harnleiter richtig zum Fließen zu bringen, war seinen internistischen Rettern jedoch nicht möglich, und so wurde Wuschl ein chirurgischer Patient. Wuschls Besitzer wurden über die Operation aufgeklärt und beraten, dass ein Bypass hier die beste Möglichkeit darstellen würde und sogar beidseitig gesetzt werden solle.

Der Subkutane Ureterale Bypass  (SUB, Harnleiter-Bypass)

Ein Harnleiter-Bypass ist immer dann indiziert, wenn es zu einer Abflussbehinderung infolge Harnsteinen in den Harnleitern kommt, die sich nicht mit konservativen Mitteln beheben lässt. Dieser SUB stellt eine künstliche Verbindung zwischen Niere und Harnblase dar und umgeht dabei den Harnleiter, die natürliche Verbindung zwischen den beiden Organen. Der Harn fließt von der Niere durch den SUB in die Harnblase, der Harnleiter wird belassen. Der SUB hat einen unter der Haut liegenden Zugang, den Port. Hier kann mittels einer Spezialnadel gespült oder eine Harnprobe entnommen werden. Klinische Erfahrung mit dem SUB gibt es noch keine zehn Jahre, es ist ein neues Implantat und wurde von amerikanischen Kollegen erfunden. Nachdem es eingesetzt wurde, muss es ein halbes Jahr lang einmal monatlich unter Ultraschallkontrolle gespült werden, um zu sehen, dass es frei durchgängig ist. Nach diesem Zeitraum werden halbjährliche Kontrollen empfohlen.
Der Eingriff erfolgt in Vollnarkose, es muss die Bauchhöhle eröffnet werden und der SUB wird unter sterilen Bedingungen eingesetzt. Der Patient verbleibt zumeist mehrere Tage stationär an der Klinik.

Wuschls Herrchen und Frauchen stimmten dem Eingriff zu. Am Tag der Operation wurde der Kater nochmals einer Ultraschall-Kontrolle unterzogen, bei der sich die linke Niere verbessert darstellte, was bedeutete, dass der Harnleiter wieder zumindest teilweise durchgängig war. Wuschl bekam daher nur einen einseitigen SUB auf der rechten Seite, wo noch immer ein Harnstau vorlag. Nach der Operation erholte sich Wuschl bald und konnte am dritten Tag bereits in häusliche Pflege entlassen werden. Einige Monate später kam es bei ihm zum erneuten Harnstau in der nicht behandelten Niere. Die Besitzer entschlossen sich, auch hier den SUB einsetzen zu lassen, und so kam Wuschl zum zweiten Mal an die Kleintierchirurgie. Am sechzigsten Tag nach der ersten Operation wurde der linksseitige SUB gesetzt. Vor beiden Operationen erhielt Wuschl eine Bluttransfusion – der Kater eines Freundes der Tierhalter stand dankenswerterweise als Spender zur Verfügung. Auch bei der zweiten Operation ging alles gut, und Wuschl verließ das Spital nach einigen Tagen.

Weitere Indikationen für einen Harnleiter-Bypass

Ein SUB wird auch nach einem traumatischen Harnleiter-Riss eingesetzt, oder wenn ein Tumor auf den Harnleiter drückt. Beide Indikationen sind jedoch selten.

Nicht jeder Patient für SUB geeignet

Prinzipiell könnte man natürlich jeder Katze oder jedem Hund einen SUB einpflanzen, es empfiehlt sich jedoch, die Patienten genau zu prüfen. Bei weit fortgeschrittenen Krankheitsstadien, die auf konservative Therapie gar nicht ansprechen, kann man den SUB versuchen, die Prognose ist aber viel vorsichtiger als bei einem Fall wie unserem Wuschl. Zusätzlich ist auch der Charakter des Patienten wichtig. Ein Tier, das für jede Manipulation infolge ausgeprägter Angst oder auch Aggression in Sedierung verbracht werden muss, ist weniger geeignet als ein umgängliches Tier. Dies ganz allein deshalb, weil Narkosen den Blutfluss zur Niere beeinflussen, und die Niere also jedes Mal noch etwas mehr belasten als sie es ohnehin schon ist. Auch Patienten, die an zusätzlichen Krankheiten leiden, haben eine vorsichtigere Prognose.

Dr. med. vet.
Brigitte Degasperi
Dipl. ECVS, Europäische Fachtierärztin für
Kleintierchirurgie, Department für Kleintiere und
Pferde, Vetmeduni Wien


Und wie geht´s Wuschl jetzt?

Wuschl´s Frauchen erzählt voll Freude: „Wir feiern genau heute sozusagen Geburtstag. Heute vor einem Jahr hätte er eingeschläfert werden sollen. Es geht ihm wunderbar. Er springt wieder fröhlich herum – und ist vielleicht noch ein wenig anschmiegsamer als früher. Fremden gegenüber ist er eigentlich eher unzugänglich, aber das hat sich dem Besitzer der Blutspenderkatze gegenüber vollkommen verändert. Heute sucht er auch dessen Nähe und kuschelt mit ihm, wenn er zu Besuch ist – er versteht, dass dieser in die ganze Geschichte involviert war … Wuschl ist in seinem Temperament und Charakter heute noch positiver als früher. Er war für uns schon immer ein ganz außergewöhnlicher Kater, doch seit den Operationen spürt man seine Dankbarkeit, dass wir ihm ein Weiterleben ermöglicht haben. Lediglich die Kontrolltermine an der Klinik bereiten ihm Stress. Wir sagen nichts, aber er liest es offenbar schon morgens im Kalender, dass der Tierarzt-Besuch ansteht – aber da muss er durch. Uns ist sehr bewusst, dass die Interne Abteilung der Vetmeduni im Vorfeld mit den Infusionstherapien sehr viel geleistet hat. Vor allem aber sind wir Frau Dr. Degasperi unbeschreiblich dankbar, dass sie sich für Wuschl mit sehr viel Herz und Seele eingesetzt hat!“