Blutkonserven retten Hundeleben

Blut ist ein existentieller Bestandteil des Lebens. Wie der Mensch, so kann auch jeder Hund heute oder morgen in eine Situation kommen, in der nur eine Bluttransfusion sein Leben retten kann. Kaum ein Hundebesitzer würde in einer solchen Notlage eine Bluttransfusion für seinen eigenen Hund ablehnen. Machen wir uns aber bewusst, dass Blut, das in jedem Organismus grundlegende und für das Leben unverzichtbare Funktionen zu erfüllen hat, sich auch heutzutage nicht künstlich herstellen lässt, sondern dass vorhandene Blutkonserven und die Möglichkeit einer Transfusion auch in der Tiermedizin immer einen Spender voraussetzen!

BlutspendenDie Blutbank der Veterinärmedizinischen Universität Wien soll eine bedarfsgerechte und kontinuierliche Blutkonservenversorgung der Universitätsklinik sicher stellen – eine Aufgabe, die nur mit einer ausreichend großen Anzahl von freiwilligen Spendertieren zu erfüllen ist. Das Magazin „mein Haustier“ sprach mit Dr. Nadja Affenzeller von der Internen Klinik für Kleintiere der Veterinärmedizinischen Universität Wien über die vielfältigen Aufgaben und Möglichkeiten der klinikeigenen Blutbank und deren Versorgung mit regelmäßigen Blutspenden.

Frage: Frau Dr. Affenzeller, in welchen Notfällen können Blutkonserven lebensrettend sein?

Dr. Affenzeller: Da sind Notfälle mit akutem Blutverlust zu nennen; beispielsweise bei Hunden, die in einen Autounfall verwickelt waren oder bei schweren Verletzungen mit offenen Blutungen. Zudem darf man keinesfalls die Einsatzgebiete unterschätzen, die mit Blutparasiten zu tun haben. Das sind Fälle, in denen Parasiten die roten Blutkörperchen zerstören und dadurch ebenfalls eine Blutarmut verursachen. Hinzu kommt eine Form der Bluttransfusion, in der nur das Blutplasma (Bluteiweiß und Gerinnungsfaktoren) übertragen wird. Dies geschieht bei schweren Magen- Darm-Erkrankungen, z.B. Parvovirose beim Hund. Diese betrifft Welpen ab sechs Wochen, die eine lebensbedrohende, aber heilbare Darmentzündung haben! Diese Patienten brauchen Blut in Form von Eiweiß. Darüber hinaus haben wir natürlich noch den Einsatz bei Vergiftungen. Das klassische Beispiel ist Rattengift, das beim Hund schwere Blutungen hervorrufen kann, die eine sofortige Vollbluttransfusion erforderlich machen. Und zudem gibt es Tiere, die unter immunbedingten Krankheiten leiden also durch das eigene Abwehrsystem verursacht – bei denen z.B. nur die roten Blutkörperchen zerstört werden. In diesem Fall werden dann auch nur rote Blutkörperchen transfundiert. Das heißt, wir haben je nach Einsatzbereich drei verschiedene Möglichkeiten: Wir können erstens Vollblut transfundieren, bestehend aus den zellulären Bestandteilen und dem Blutplasma, zweitens können wir nur die zellulären Bestandteile, hier vor allem die roten Blutkörperchen, verwenden, und zum dritten besteht die Option, nur das Blutplasma zu transfundieren.

Frage: Wie sieht denn der Weg des Blutes vom Spender zum Empfänger aus?

Dr. Affenzeller: Die Blutabnahme selbst wird an der Vena jugularis, das ist die große Halsvene beim Hund, durchgeführt. Bis eine Einheit, das heißt eine Konserve, voll ist, vergehen im Durchschnitt fünf Minuten, länger nicht. Diese Konserve ist ein in sich geschlossenes System, das nur einmal verwendet wird. Es handelt sich dabei um sterile Einmalbeutel, wie sie auch in der Humanmedizin verwendet werden. Für den Spender besteht somit keine Infektionsgefahr. Die Konserven werden dann entweder sofort weiterverwendet, wenn ein Empfänger wartet, oder die Blutspende wird eingelagert. Dazu wird dieser Beutel, versehen mit einem Mittel gegen Blutgerinnung, in einem eigenen Kühlschrank gekühlt für einen Einsatz zu einem späteren Zeitpunkt. Wenn wir einzelne Komponenten benötigen, Plasma oder eben nur rote Blutkörperchen, können wir das Plasma alternativ sofort nach der Abnahme abzentrifugieren, um so die zellulären Bestandteile vom Blutplasma zu trennen. Das Plasma wird entweder bei minus 20 Grad eingefroren oder eben gleich benötigt. Die zellulären Bestandteile kann man nicht tieffrieren, diese müssen im Kühlschrank aufbewahrt werden. Der Vorteil von Plasma ist, dass wir es bis zu vier Jahren lagern könnten, aber wir haben nie so viel, dass uns das passieren würde. Für alle zellulären Bestandteile liegt die maximale Haltbarkeit bei nur vier Wochen.

Frage: Und das wird auch innerhalb dieser vier Wochen verwendet, also wirklich so oft benötigt?

Dr. Affenzeller: Ja, wir kommen sicher nicht in die Verlegenheit, nicht benötigtes Blut entsorgen zu müssen. Der Bedarf ist in den letzten Jahren durch die doch sehr fortgeschrittenen therapeutischen und diagnostischen Möglichkeiten kontinuierlich gestiegen. Wir können im Jahr auf etwas mehr als 100 Blutspenden zurückgreifen. Das heißt nicht, dass wir 100 verschiedene Spender haben, sondern die meisten kommen mehrere Male im Jahr. Wir haben in unserer Datenbank ca. 30 bis 40 Spenderhunde, von denen auch einige aus den Bundesländern kommen.

Frage: Ist das nicht zu wenig?

Dr. Affenzeller: Ja, es ist leider zu wenig; wir bräuchten wesentlich mehr Spenderhunde.

Frage: Dabei sind die Voraussetzungen, als Blutspender in die Datenbank aufgenommen zu werden, ja in keinster Weise unüberwindbar…

Blutspenden

Dr. Affenzeller: Sicher nicht, aber den wenigsten Menschen ist bewusst, wie wichtig diese Blutkonserven sind. Das Bewusstsein, dass auch Tiere Blut als stabilisierende lebensrettende Notfallmaßnahme brauchen, ist zu wenig vorhanden. Und somit sagen leider viel zu wenig Hundebesitzer „Ja, ich nehme meinen Hund und ich gehe mit ihm zum Blutspenden. Ich investiere diese Zeit.“ Glücklicherweise sind ein Großteil unserer Spender auch wirklich Notfallspender. Das sind Leute, die in der Nähe wohnen und gewillt sind auch um drei Uhr in der Früh zu kommen. So können wir auch Akutfälle versorgen, wenn kein Vorrat vorhanden ist. Es steckt sehr viel Engagement dahinter. Sowohl von den Mitarbeitern hier in der Klinik als auch von den Tierbesitzern.

Frage: Dieses Engagement ist immer deutlich spürbar. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, wie die Spenderhunde hier im Haus verwöhnt werden…

Dr. Affenzeller: Mein oberstes Ziel ist, dass ich einen Blutspender nicht nur einmal sehe. Nur dann kann ich ihm auch die beste ärztliche Überwachung gewährleisten. Im Rahmen der Blutspende finden ja für den Besitzer kostenfreie Kontrolluntersuchungen des Spenderhundes statt. Dazu gehört auch ein kleines Blutbild, das Auskunft über die Anzahl der roten und weißen Blutkörperchen gibt und somit mögliche Störungen im blutbildenden System aufdecken könnte. Auch wichtige Organparameter für Niere und Leber werden kontrolliert; bei eventuellen Abweichungen könnte man gleich genauer nachschauen. Es ist zudem mein persönliches Interesse, meine Spender gut überwacht zu haben und zu wissen, dass alles passt. Bei uns wird auch kein Hund sediert oder in Narkose gelegt, d.h., der Hund muss die Bereitschaft haben, ein paar Minuten liegen zu bleiben. Über 95% aller Hunde akzeptieren das problemlos und ich kann fast jedem Besitzer die Furcht, der eigene Hund sei sicher zu wild für eine Blutspende, nehmen. Das, was dem Hund von seinem Besuch hier in Erinnerung bleibt, sind das Futter und die Leckerli, die er reichlich bekommt und natürlich die Zuwendung von allen Beteiligten. Der Nadelstich ist für den Hund kaum eine Belastung.

Frage: Letztlich ist es also so, dass eine Blutspende auch dem Spender nicht zu unterschätzende Vorteile bringt …

Dr. Affenzeller: Zusätzlich zu dem gesundheitlichen Vorsorgeaspekt wird auch die Blutgruppe des Hundes bestimmt und in einem persönlichen Blutspenderausweis festgehalten. Das kann im Notfall lebenswichtige Zeit sparen. Die gespendete Blutmenge kann vom Organismus schnell wieder ausgeglichen werden und es ist uns ganz besonders wichtig, dass sich jeder Spender bei uns wohlfühlt und von unserem Team gut versorgt wird, denn eines ist sicher: Wenn ein Hund einen Beutel Blut füllt, dann rettet er damit ein Leben!

Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer