Anti-Giftködertraining

Wie Hunde lernen, Verlockungen zu widerstehen

Die meisten unserer Hunde unterscheiden nicht zwischen einer Mahlzeit daheim und einem zufällig gefundenen Snack unterwegs. Beides schmeckt ihnen und wird ohne einem Hauch von schlechtem Gewissen genüsslich verspeist. Leider können daraus große gesundheitliche Probleme bis hin zum tödlichen Verlauf entstehen. Hat der betroffene Hund eine Nahrungsmittel-unverträglichkeit oder Allergie, so zerstört der unterwegs hastig aufgenommene „Leckerbissen“ den Sinn der sorgsam eingehaltenen Diät. Magenschmerzen und nächtliche extra Gassi-Runden machen weder Mensch noch Tier Freude. Noch viel schlimmer ist es jedoch, wenn es sich bei dem vermeintlichen Leckerbissen um einen Giftköder handelt. Gerade in letzter Zeit gibt es wieder viele Giftködermeldungen, die sich besonders häufig auf die Ballungszentren beziehen. Aus diesem Grund werden hier viele Hunde ausschließlich mit Maulkorb ausgeführt, was für die Vierbeiner nicht nur unangenehm ist, sondern auch Sozialkontakte mit Artgenossen mehr oder weniger einschränkt.

Warum Hundehalter Köder meist zu spät entdecken

Hunde bemerken schnell, dass das unerlaubte Fressen von unterwegs gefundenen „Leckerbissen“ bei Herrchen oder Frauchen ärgerliche Reaktionen und lautstarkes Schimpfen bewirkt. Sie wissen, dass sie für Gefundenes gescholten und fürs Fressen bestraft werden oder ihnen die „Beute“ aus dem Maul gerissen und weggenommen wird. Aber weil auch Hunde sich verstellen können, lernen sie dann schnell, im Fall des Falles ein fast perfektes Pokerface aufzusetzen. Das heißt, dass der jeweilige Hund beginnt Funde zu verschleiern, indem er die Anzeige des Fundes über seine Körpersignale zurückhält. Solange sein Besitzer im unmittelbaren Einflussbereich ist, unterlässt der Hund es ja vielleicht aus Furcht vor unangenehmen oder gar schmerzenden Konsequenzen, die Beute zu nehmen oder zu fressen. Ohne Leine und in sicherer Distanz zu Herrchen oder Frauchen wird er aber eher dazu neigen, den Fund zu verschleiern, die „Beute“ schnell zu greifen und sie entweder schnellstmöglich hinunterschlingen oder mit ihr im Maul die sichere Distanz zum Besitzer beibehalten. Wer hat noch nie einen Hundehalter gesehen, der ehrgeizig, aber absolut chancenlos, versucht, seinen Hund mit der Beute im Maul einzufangen? Gelernt ist halt gelernt…

Anti-Giftködertraining macht Sinn

Hunde können aber auch sehr gut lernen, dass es sich lohnt, ihrem Menschen anzuzeigen, dass sie etwas Fressbares gefunden haben. Und gefunden bedeutet hier nicht, dass der Hund das aufgespürte Fressen bereits im Maul hat, sondern es schon anzeigt, sobald seine Nase ihm sagt, dass im Gebüsch vier Meter weiter vorne etwas Gutes liegt. „Das würde meiner nie machen! Dafür ist er viel zu verfressen…“, ist eine häufige Aussage von Hundehaltern. Hundetrainerin Sabine Schmatt verrät jedoch: „Umso verfressener ein Hund ist, desto leichter fällt das Anti-Giftködertraining mit ihm.“ Tatsächlich sieht man es jedem Hund an, wenn er etwas gefunden hat. Seine Körpersprache zeigt es in einer ihm eigenen Form. Vor dem Training gilt diese Anzeige nicht unbedingt seinem Menschen, aber wie einem schlechten Poker-Spieler, sieht man dem Hund an, wenn seine Nase etwas entdeckt hat. Er zeigt es über unbewusste Körpersignale – wie Langsamerwerden, Kopfabsenken und Schnuppern –, die jeder Hund zeigt, solange er nicht gelernt hat, diese zu verschleiern. Eine bewusste, an seinen Menschen gerichtete Anzeige des Fundes, nämlich sitzen und Blickwechsel zwischen dem Fund und seinem Menschen, muss der Hund erst lernen. Im Anti-Giftködertraining lernt er durch positives Training, dass ihm nicht weggenommen wird, was er gefunden hat (der beherzte Griff ins Maul, sollte wirklich mal was passieren, ist aber immer noch besser als den Hund etwas Vergiftetes fressen zu lassen). Im Gegenteil. Er erntet Lob und Anerkennung und erhält eine entsprechend wertige Belohnung dafür, dass er die Entdeckung mit seinem Menschen teilt. Umso deutlicher und direkter an seinen Halter gerichtet wird er zukünftig anzeigen, dass er etwas entdeckt hat.

Wie das Training abläuft

Hundetrainerin Sabine Schmatt leitet den Anti-Giftköderkurs der „Hundeschule Hundefragen“. Sie beschreibt den vereinfacht dargestellten Trainingsaufbau in wenigen Schritten: Es wird dabei im Prinzip ein Alternativverhalten zur natürlichen Reaktion „Ich fresse sofort auf, was ich finde“ aufgebaut.

Im ersten Schritt lernt der Hund, sich bei Futter zurückzunehmen und nicht einfach zuzugreifen, indem man Futter in der Hand hält. Die Hand öffnet sich aber erst für ihn, wenn er sich zurücknimmt und entweder einen Schritt zurück macht oder sich hinsetzt. Bis dahin lassen wir ihn in Ruhe alles Mögliche versuchen, er darf und soll sich überlegen, für welches Verhalten sich die Hand öffnet. Sitzt der erste Schritt, was heißt, dass der Hund gar nicht mehr versucht, an der Hand zu nagen oder zu schlecken, ist es Zeit für den zweiten Schritt: Man hält wiederum Futter in der Hand, aber jetzt erhält der Hund die Belohnung für sein Zurücknehmen aus dem Futterbeutel und nicht mehr das zuvor angehimmelte Stück in der Hand. Dann fängt man an, abwechselnd mit linker und rechter Hand, mit Futter darin, in unterschiedlichen Positionen Richtung Boden zu arbeiten. Die Belohnung kommt jetzt immer aus dem Futterbeutel.

Zum Schluss liegt Futter am Boden und der Hund wird dafür, dass er sich zurückgenommen und das Futter nicht berührt hat, wieder aus dem Futterbeutel belohnt. Dabei ist es sehr wichtig, dass der jeweilige vorherige Schritt bereits gut funktioniert, die Körpersignale schon gut erkannt werden und eine Distanz zum ausgelegten Futter gewählt wird, die den Hund noch nicht zu sehr in Versuchung führt. Selbstverständlich ist der Hund mit der Leine abgesichert, um Misserfolge (aus unserer Perspektive) zu verhindern. Aber es sollte von Anfang an darauf geachtet werden, die Leine nicht aktiv verwenden zu müssen! Ziel ist ja auch eine Anzeige im Freilauf.

Hat der Hund erst einmal verstanden, welches Verhalten ihn zum Erfolg führt, dann wird er es zukünftig schneller und deutlicher zeigen. Was die Belohnung sein soll, bestimmt der Hund: Es muss nicht immer Futter sein, auch die gemeinsame Freude und Anerkennung, Spiel, Spaß oder zusammen laufen kann sehr belohnend wirken. Orientieren Sie sich dabei an den Bedürfnissen Ihres Hundes und seien Sie kreativ.

Was lernt der Mensch in diesem Training?

Hundehalter lernen, ihren vierbeinigen Gefährten besser zu lesen und zu erkennen, wann dieser etwas in der Nase hat. Sie lernen, diesen absolut natürlichen Instinkt nicht zu verbieten, sondern ihn zu nutzen und wertzuschätzen – sich also mit dem Hund gemeinsam über Entdecktes zu freuen und ihn dafür belohnen. Nebenbei stärkt dies das Selbstvertrauen des Hundes und die Bindung zwischen Mensch und Hund.

Das lernt der Hund

Mir wird nichts weggenommen. Es ist gut, wenn ich etwas finde und noch viel besser, wenn ich die Entdeckung meinem Menschen mitteile. Dafür gibt es eine feine Belohnung, Anerkennung und gemeinsame Freude.

Erfahrungsbericht von Claudia Haidvogel mit Dalmatiner Dots: … durch das richtige Rausfiltern zeigt er mir sehr gut, wo es das nächste Essen gibt. Kann auch schon mal die Grillerei im Schrebergarten sein. Oder er weist mich „dezent” drauf hin, dass mir beim Kochen etwas runter gefallen ist. Wir haben schon allerhand essbaren Müll bei unseren Schatzsuchen gefunden und eingesammelt. Sicherheitshalber. Der Teufel schläft ja bekanntlich nicht.

Um die Genauigkeit der Anzeige immer wieder zu verfeinern, versteck ich schon mal seine Kekse, die er mir dann ganz toll anzeigt. Ich kann den Kurs nur jedem Hundehalter in Zeiten der Giftköder nahelegen.

Marcus Killer
Assistenztrainer in der Hundeschule
„Hundefragen“ • www.hundefragen.at

 


Sollte es dennoch einmal passiert sein und ihr Hund hat auf der Straße etwas gefressen, das ein Giftköder gewesen sein könnte, rät Tierarzt Rainer Giebl aus Pressbaum:

Im Zweifelsfall setzen sie sich umgehend mit ihrem Haustierarzt in Verbindung, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Alarmierende Symptome sind Blut im Harn oder Kot, Blutungen aus Körperöffnungen, blasse bis weiße Schleimhäute, schaumiges, schleimiges Erbrechen, blaue Zunge, Kreislaufprobleme. Beim Auftreten derartiger Symptome sollte rasch Hilfe gesucht werden. Von Vorteil ist es, telefonisch abzuklären, wohin man am besten fahren soll, um zeitintensive Irrfahrten zu vermeiden. Werden zum Beispiel Blutkonserven zur Behandlung benötigt, ist es gut zu wissen, dass nicht jeder Tierarzt und auch nicht jede Klinik diese in ausreichender Menge vorrätig hat.

An dieser Stelle möchte ich Sie daran erinnern, dass auch Sie mit Ihrem Hund Blut spenden gehen und damit anderen Hunden das Leben retten können.