Aggressives Verhalten beim Hund

Was steckt dahinter?

Verena ist entsetzt. Ihre geliebte und normalerweise äußerst sanfte Hündin Bella hat sie angeknurrt und sogar leicht geschnappt, als sie sie streicheln wollte. Ist die achtjährige Bella plötzlich aggressiv geworden? Verena weist ihre Hündin jedenfalls in äußerst zornigem Ton zurecht und ignoriert sie in der Folge tagelang. Und Bella? Die weiß nicht, wie ihr geschieht. Frauli ist böse auf sie, dabei hat sie doch nur mitgeteilt, dass ihr das Streicheln weh tut. Wie hätte sie es ihr denn sonst sagen sollen?

Körperliche Erkrankungen häufig Auslöser der Aggression

„Hunde können ja nicht ,Auweh‘ sagen, daher reagieren sie bei der Berührung an einer schmerzhaften Stelle oft mit Knurren oder Schnappen“, erklärt Dr. Michael Leschnik, Internist für Kleintiere an der Abteilung Innere Medizin der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Das ist dann eine Verteidigung, aber primär keine Aggression. Es handelt sich hier nicht um eine Verhaltensstörung, sondern um eine normale Reaktion auf den Schmerz. Selbst wenn die Beschwerden beseitigt sind, verknüpft der Hund die Berührung als Auslöser manchmal noch damit und wird sich jedes Mal ähnlich verhalten, weil er Schmerzen erwartet.“ Aggression bei Hunden ist also nicht immer das, wonach es aussieht. Die angebliche Verhaltensstörung ist nicht selten auf körperliche Erkrankungen zurückzuführen. Schmerzen sind dabei die häufigsten Ursachen. Darüber hinaus besteht auch ein Zusammenhang mit Lebererkrankungen und Hormonveränderungen. Wenn beispielsweise die Leber nicht funktioniert und der Organismus ungenügend entgiftet wird, entfalten die Giftstoffe ihre Wirkung im Gehirn, wodurch es zu Verhaltensänderungen und

teilweise auch zu Aggressionen kommt. Dr. Leschnik: „Hormonstörungen, wie eine Unterfunktion der Schilddrüse, beeinflussen das Verhalten ebenfalls negativ. Ein Tier, das die Tendenz dazu hat, wird in diesem Fall aggressiv. Ein gutmütiges Tier eher nicht.“ Darüber hinaus kann die vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen ein Auslöser sein. Fühlen sich Vierbeiner durch oft gedankenloses Verhalten eines Menschen oder durch ein anderes Tier bedroht, so löst dies enormen Stress aus. Um sich die vermeintliche Gefahr vom Leib zu halten, attackiert der Hund möglicherweise. Hingegen sind neurologische Erkrankungen, wie ein Gehirntumor, entgegen der landläufigen Meinung äußerst selten der Grund für aggressives Verhalten. Immer wieder werden Tierärzte hier mit Eigendiagnosen ihrer Patientenbesitzer konfrontiert: „Strolchi ist plötzlich so aggressiv geworden, ich glaube er hat einen Gehirntumor!“ In 99 Prozent aller Fälle bewirken Gehirntumoren jedoch das Gegenteil. Der Hund wird eher ungewöhnlich ruhig.

Aggression aus dem Fressnapf…

Aggressives Verhalten kann aber mitunter auch aus dem Fressnapf kommen! „Viele Hunde erhalten zu energiereiches Futter zusätzlich mit einem Überangebot an Eiweiß“, warnt der Tier-Internist. „Die Folge kann ebenfalls eine Überlastung der Leberfunktion sein und die überschießende Energie wird vom Tier dann vielleicht in Aggression ausgelebt.“ Wenn ein Hund plötzlich aggressives Verhalten zeigt, sollten daher immer zuerst beim Tierarzt die möglichen

körperlichen Ursachen abgeklärt werden! Findet sich kein organischer Grund, so gilt es, möglichst rasch andere Faktoren zu hinterfragen. „Die häufigsten nicht-organischen Gründe für aggressives Verhalten sind Unsicherheit und Angst“, weiß Sabine Schroll, Verhaltensmedizinerin für Hund und Katze aus Erfahrung. „Hunde sind vor allem dann unsicher und ängstlich, wenn sie nicht entsprechend auf verschiedene Menschen sozialisiert sind.“

Unerwünscht, aber nicht abnorm

Sabine Schroll als auch Dr. Leschnik sind sich einig: Aggression ist an sich nichts „Böses“, sondern Bestandteil des normalen Hundeverhaltens, ihrer sozialen Kommunikation und Konfliktlösung. Aggression gehört zum Leben jedes Individuums, ist notwendig für die Verteidigung des eigenen Territoriums, des eigenen Lebens und des Nachwuchses. Es handelt sich dabei um eine vorpro- grammierte Verhaltensart, deren Ausprägung und Ausmaß jedoch durch Erlebnisse und äußere Ereignisse beeinflusst werden kann. Dr. Leschnik: „Es ist für uns Menschen zwar unerwünscht, für das Tier aber nicht abnorm, wenn ein Rüde einem anderen Rüden gegenüber aggressives Verhalten zeigt. Wenn er jedoch Menschen anfällt, wird das oftmals als eine Verhaltensstörung interpretiert. Aber auch dafür gibt es meist eine Erklärung.“ So ist es gefährlich, ein zweijähriges Kind unbeaufsichtigt mit einem sehr großen Hund spielen zu lassen. Für den Hund ist ein so kleines Kind kein in der Rangordnung über ihm stehender Mensch, sondern ist mitunter einem Welpen gleichzusetzen, den er bei Bedarf „erziehen“ und zurechtweisen muss. Was schreckliche Folgen haben kann. Ob es um den Umgang mit Kleinkindern oder Artgenossen geht: „Man darf als Besitzer einen Hund erst gar nicht in kritische Situationen bringen, bzw. muss man ihm in der Situation die Entscheidungen abnehmen“, so Sabine Schroll. Doch nicht jeder Hundebesitzer hat das Talent zum Hundetrainer. Uns allen passieren dem Tier gegenüber immer wieder Verhaltens- und Erziehungsfehler. Wie gefährlich kann das werden? „Normalerweise ist das nicht so schlimm“, meint die Verhaltensmedizinerin. „Dass ein durchschnittlich erzieherisch begabter Besitzer mit durchschnittlichen Fehlern aus einem psychisch gesunden, gut sozialisierten Hund einen gefährlich-aggressiven macht, ist sehr unwahrscheinlich.“ Denn unsere vierbeinigen Lebensgefährten sind unglaublich großzügig, was menschliche Fehler angeht.

Was Hundehalter tun bzw. lassen sollten

Richtig

Falsch

  • Sorgfältige Zucht- bzw. Rassenwahl
  • Umfassende Sozialisation mit Artgenossen und verschiedenen Menschen
  • Erlernen von Selbstkontrolle und Beißkontrolle
  • Artgerechte Haltung
  • Ausreichend Zeit und Beschäftigung mit dem Hund
  • Richtige Futterwahl
  • Auf die Rangordnung achten
  • Rechtzeitig Grenzen setzen
  • Den Ursachen für aggressives Verhalten sofort auf den Grund gehen (tierärztliche Untersuchung!)
  • Klares eindeutiges Führungsverhalten des Besitzers
  • Unbedachte Rassewahl: Extrem aktive Hunde, die rund um die Uhr gefordert sein wollen, gehören nicht in einen  ruhigen Haushalt, wo sie nicht ausgelastet sind
  • Übermäßig eiweißreiches Futter
  • Aggressives Verhalten ignorieren
  • Konfrontation und körperliche Strafen im Falle einer Aggression
  • Den Hund in Stresssituationen bringen

Bei psychisch gestörten Hunden Experten beiziehen

Das Problem beginnt erst, wenn ein Tier schon gewisse psychische Defizite in die Beziehung mitbringt. Kennt man die Ursachen dieser Defizite, kann man gezielt gegensteuern. Sehr oft weiß man aber beispielsweise bei einem Tierschutzhund nicht, welche Erlebnisse ihn in der Vergangenheit geprägt haben, was ihm Angst gemacht hat und welche Situationen eine aggressive Reaktion auslösen können. Man sollte hier also unbedingt einen Experten beiziehen, der den Hund entsprechend einordnen und wenn notwendig fest eingeprägte Verhaltensmuster „umtrainieren“ kann.

Je früher man gegensteuert, umso besser. Denn hat ein Hund erst einmal gebissen, wird er sich dieser Option ein Leben lang bewusst sein. „Es gibt dann keinen Weg mehr zurück in den unschuldigen Zustand vor dem ersten richtigen Zubeissen,“ so Sabine Schroll.* Wie immer liegt es auch hier an uns Menschen, das angeborene Verhalten des Hundes durch das Ergründen auslösender Ursachen und sinnvolle Trainingsansätze in die richtigen Bahnen zu lenken. Denn den „bösen Hund“ gibt es nicht.