Wau! Miau! Schon so spät!?

Es ist 23.30 Uhr, eigentlich unsere normale Zeit, ins Bett zu gehen. Diesmal bleiben wir länger auf, um uns einen spannenden Krimi im Fernsehen fertig anzusehen. Grundsätzlich
kein Problem, oder? Nicht für uns, aber für unsere Hündin. Sie erhebt sich und geht langsam Richtung Schlafzimmer, wo auch sie ihr Bettchen hat. Nach jedem Schritt ein vorwurfsvoller Blick zurück zu uns: „Was ist los? Schlafenszeit – es ist halb zwölf!“ scheint sie zu mahnen.
Christina hingegen muss Punkt 17 Uhr mit dem aufhören, was sie gerade macht. Denn Chiara steht vor ihrer leeren Futterschüssel und bellt fordernd.
Die Katze Minka wiederum ist eine Frühaufsteherin. Frauchen könnte seit der Pensionierung länger schlafen. Doch nicht mit Minka. Jeden Morgen um 6 Uhr miaut sie, springt aufs Bett und drängt Frauchen zum Aufstehen.
Alles Zufall, Gewohnheit oder bestimmt doch auch ein gewisses Zeitgefühl das tägliche Leben und Verhalten unserer Haustiere? „Mit Sicherheit besteht das so genannte Zeitgefühl bei vielen Tieren ebenso wie beim Menschen“, bestätigt Privatdozent Dr. Michael Leschnik von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Natürlich heißt das nicht, dass unsere Lieblinge die Uhr deuten können und ihren Alltag minutengenau timen. Aber das konnten auch die frühen Vorfahren der Menschen nicht und wussten doch instinktiv, wann was zu tun ist.

Tiere haben eine innere Uhr

Woher kommt also dieses Zeitgefühl? Es basiert auf mehreren Faktoren. Dozent Dr. Leschnik: „Tiere haben wie wir Menschen eine innere Uhr, die durch Stoffwechselvorgänge und Hormonschwankungen gesteuert ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Hormon Melatonin“. So beeinflusst der Hell-Dunkel-Rhythmus die Ausschüttung des „Schlafhormons“ Melatonin, das ja vermehrt bei Dunkelheit produziert wird. Melatonin senkt die Aktivität und macht müde.
Außerdem folgt der Organismus einem bestimmten Rhythmus, der sich täglich wiederholt. „Durch die innere Uhr werden die Stoffwechselvorgänge im Tagesablauf gesteuert, um z.B. die Verdauung vor allem in die Ruhephase zu verschieben. Die Aktivität der Tiere ist dabei an die Umwelt angepasst“, so Dozent Leschnik. „Sie sind zum Beispiel aktiver, wenn ihre Beutetiere aktiv sind und die Nahrungssuche mehr Sinn macht. Daher gehen sie nicht in der ärgsten Mittagshitze jagen.“

Rituale werden mit gleichzeitigen Ereignissen verknüpft

Auch Gewohnheiten sind sehr wichtig. Wenn ein Hund immer zur selben Zeit sein Futter bekommt, so ist er knapp vor der nächsten Fütterung am hungrigsten und wartet daher immer zur gleichen Uhrzeit vor dem Napf.
Zusätzlich orientieren sich Tiere an stets wiederkehrenden Aktivitäten ihrer Menschen, an Geräuschen, Gerüchen. So merken sich unsere vierbeinigen Lebensgefährten Rituale (Fütterung, Spaziergang, Rückkehr der Kinder aus der Schule) und verknüpfen sie mit anderen Ereignissen, Geräuschen, Lichtverhältnissen etc., die typischerweise gleichzeitig auftreten oder einem Ritual vorausgehen. Ein Beispiel: Kommt der Briefträger immer um 12.00 Uhr mittags, ist Frauchen da in der Küche gerade sehr aktiv, und schlägt aus der Ferne die Kirchturmuhr, so weiß ein Hund, dass kurz danach der kleine Sohn des Hauses von der Schule heimkommt. Er wartet also schon vor der Haustür auf ihn.

Können Hunde die verflossene Zeit riechen?

Die amerikanische Psychologin und Bestsellerautorin Alexandra Horowitz („Was denkt der Hund?“) macht für das Zeiterleben bei Hunden vor allem deren Geruchsinn verantwortlich. Sie vertritt die Meinung, dass dem Vierbeiner zwei Geruchsinformationen helfen, die verflossene Zeit zu bestimmen: Der Geruch seiner Besitzer und der Geruch der Wohnung. Beides verändert sich im Laufe des Tages. Je länger wir weg sind, umso schwächer wird unser Geruch in der Wohnung. An der Intensität unseres Geruchs kann Bello erkennen, ob wir eine halbe Stunde fort waren oder mehrere Stunden. Auch die Wohnung hat je nach täglicher Aktivität zu jeder Tageszeit einen anderen Geruch, an dem Hunde sich orientieren können.

Hunde wissen, ob wir sie kurz oder lang allein lassen

Die Frage, ob unsere Lieblinge wissen, wie lange wir sie allein lassen, beschäftigt wohl alle Hundebesitzer. Das haben die beiden schwedischen Wissenschaftlerinnen Theres Rehn und Linda Kee- ling von der Agrarwissenschaftlichen Universität Uppsala unter- sucht. Sie wählten für ihr Experiment 12 Hunde aus Privatbesitz aus, die nicht unter Trennungsangst litten und gewohnt waren, mehrere Stunden allein zuhause zu sein. Die Tiere wurden von ihren Besitzern an drei verschiedenen Tagen einmal eine halbe Stunde, einmal zwei Stunden und einmal vier Stunden allein gelassen. Videokameras  filmten sie vor dem Weggang der Besitzer, während des Alleinseins und bei der Rückkehr ihrer Menschen.
Allein zuhause verhielten sich alle Hunde passiv, blieben liegen
und taten kaum ein paar Schritte. Unterschiedlich fiel jedoch ihre Reaktion auf die Rückkehr von Frauchen und Herrchen aus: mit zunehmender Abwesenheitsdauer wurde die Begrüßung immer stürmischer. Dabei gab es große Unterschiede zwischen der halbstündigen Abwesenheit und der vierstündigen. Allerdings spielte es kaum eine Rolle, ob die Menschen zwei oder vier Stunden fort waren.

Jetlag durch die Zeitumstellung

Wenn Tiere also ein Zeitgefühl besitzen, wie reagieren sie dann auf die Zeitumstellung, die bald auf uns zukommt? Den „Beweis“, dass die Zeitumstellung sie belastet, liefern ja bekanntlich Kühe, die an fixe Fress- und Melkzeiten gewöhnt sind. Viele von ihnen geben unmittelbar nach einer Umstellung auf Sommer- oder Winterzeit weniger Milch.
Während Wildtiere die Umstellung problemlos wegstecken, sind Haustiere, die an unseren zeitlichen Rhythmus angepasst leben, sehr wohl betroffen. „Zeitumstellungen sind für Tiere genauso belastend wie Flugreisen“, betont Dozent Leschnik. „Der biologische Rhythmus benötigt einige Tage, mitunter sogar Wochen, um sich neu einzustellen. Unruhe, Schlafstörungen und Stress können das Resultat sein. Bei sensiblen Tieren macht sich dann echter Jetlag bemerkbar, was auch ein Grund ist, Langstreckenflüge mit Haustieren nur im Notfall durzuführen“.