Vegetarische Ernährung auch für Hund und Katze?

vergitarische_1Die Ernährung gehört zu den essentiellen Fragen des Lebens schlechthin. Sie dient dem Aufbau und der Erneuerung der Körpersubstanz und liefert den notwendigen Energiebedarf für die Lebensvorgänge eines Organismus. Die Versorgung des Körpers mit allen notwendigen Nährstoffen ist die biologische Grundlage seiner Funktionsfähigkeit. Über welche Nahrungsmittel aber diese Nährstoffe dem Organismus zugeführt werden, wird im menschlichen Denken oft zu einer philosophischen und weltanschaulichen Frage stilisiert, in der extreme Positionen aufeinandertreffen. Der Diskussionsstoff rund um diese Thematik scheint gerade in der Hundeernährung ebenso grenzenlos wie der Erklärungs- und Informationsbedarf: Auf der einen Seite wird Barfen (B.A.R.F. = Biologisch-artgerechte Roh-Fütterung) zum Allerheilmittel stilisiert, auf der anderen Seite steht der Wunsch, die eigene ethische Überzeugung auch in der Ernährung des Hundes umzusetzen: in einer vegetarischen (fleischlosen) oder gar veganen Ernährung, die auf jegliche tierische Produkte verzichtet. Ein Großteil dieser Auseinandersetzungen wird zumeist fernab jeder biologischen Realität geführt. Hundeernährung scheint zur Philosophie geworden, und eine neue Sachlichkeit dringend von Nöten. „mein HAUSTIER“ sprach in diesem Zusammenhang mit Univ.-Prof. Christine Iben vom Institut für Tierernährung und funktionelle Pflanzenstoffe der Veterinärmedizinischen Universität Wien über die Möglichkeiten und die Sinnhaftigkeit einer vegetarischen bzw. veganen Ernährung von Hund und Katze.

Frage: Frau Professor Iben, Menschen, die sich selbst für eine vegetarische oder vegane Ernährung entschieden haben, möchten oft auch ihr Haustier in dieser Form ernähren. Kann man Hund und Katze vegetarisch ernähren?

Prof. Christine Iben: Es gibt zwar keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu dieser Frage, aber aus dem gültigen Wissen lassen sich plausible Schlussfolgerungen ziehen. Beim Hund ist eine vegetarische Ernährung durchaus möglich, und ich betrachte es auch als artgerecht, in manchen Fällen sogar als sinnvoll. Ich möchte in diesem Zusammenhang zum Beispiel auf den Dalmatiner verweisen, eine Rasse, bei der sich auf Grund einer genetischen Prädisposition relativ häufig Harnsäuresteine entwickeln. Der Gedanke ist naheliegend, einen derartigen Hund vegetarisch zu ernähren und die Proteinversorgung weg vom Fleisch auf Milch und Eier zu verlegen, die eben keine Substanzen enthalten, aus denen Harnsäure gebildet wird. Auch die vegetarische Ernährung eines Junghundes wäre denkbar, wenn er zusätzlich ausreichend mit Eisen versorgt wird, das ja nur im Fleisch enthalten ist. Mit einer veganen Ernährung wird es sicher schwieriger, das muss man differenzieren. Beim heranwachsenden Hund, der tierische Proteine benötigt, ist vegane Ernährung gänzlich abzulehnen. Beim erwachsenen Hund ist die Situation eine andere: Vom Stoffwechsel her ist der Hund fähig, sich aus rein pflanzlicher Kost zu ernähren, so dass eine vegane Ernährung eventuell möglich, aber sehr schwierig ist. Die Rationen müssten sehr genau berechnet werden, damit eine ausreichende Protein-Versorgung mit Tofu oder Soja gesichert ist.

Pflanzliche Proteine könnten also den Proteinbedarf eines ausgewachsenen Hundes abdecken?

Prof. Christine Iben: Ja, da sind alle Aminosäuren enthalten, die der Hund benötigt.

Wie sieht das bei der Katze aus?

Prof. Christine Iben: Bei der Katze gestaltet sich das Ganze erheblich schwieriger. Natürlich kann man auch eine Katze vegetarisch oder vegan ernähren, benötigt dann aber eine ganze Reihe künstlicher Zusätze. Hinsichtlich ihres Stoffwechsels ist die Katze ein richtiger Fleischfresser und braucht Substanzen, die normalerweise nur im Fleisch enthalten sind. Sind diese Stoffe in künstlich hergestellter Form sowie die notwendigen Aminosäuren in ausreichender Menge im Futtermittel enthalten, kann man alles füttern. Es gibt durchaus vegane Produkte zur Ernährung von Katzen.

Entscheidend sind also nicht die Nahrungsmittel, sondern die darin enthaltenen Nährstoffe.Wie würde denn eine optimale fleischlose – also vegetarische – Ernährung für den Hund aussehen?

Prof. Christine Iben: Das lässt sich problemlos zusammenstellen: Ei, Reis, Karotten, ein wenig Öl, Topfen Hüttenkäse, Milch – und natürlich die Mineralstoffmischung nicht vergessen: Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine müssten dabei zugefüttert werden. Wobei bezüglich der Milchprodukte und Milch gesagt werden muss, dass diese nicht von allen Hunden gut vertragen werden und Durchfall die Folge sein kann.

Mit Reis wäre Getreide hier also ein selbstverständlicher Bestandteil der Ernährung. Das widerspricht einer bei Hundebesitzern beliebten Forderung nach einer getreidefreien Ernährung des Hundes.

Prof. Christine Iben: Es gibt keinerlei wissenschaftlich gesicherte Begründung, warum der Hund kein Getreide bekommen sollte, sondern lediglich die Empfehlung, dass der Kohlenhydratanteil im Hundefutter nicht mehr als 50% betragen sollte, was mit der Kotqualität zusammenhängt. Die Barfer vertreten die Philosophie, dass der Hund ein Wolf ist und wie ein Wolf ernährt werden soll. Und der Wolf frisst – angeblich! – kein Getreide, was so auch nicht richtig ist. Der Wolf nimmt auch stärkehaltige Nahrungsmittel zu sich und frisst im Winter auch Wurzeln und Knollen, wenn er sonst nichts findet. Deshalb sind Wolf und Hund evolutionsgeschichtlich ja auch wesentlich angepasster an das gesamte Nahrungsangebot eines Omnivore, eines Allesfressers. Nicht immer standen Beutetiere zur Verfügung, es gab Hungerperioden im Winter, wenn die Beutetiere unter einer Schneedecke eingegraben oder einfach nicht existent waren.

Wie ist das bei der Katze?

Prof. Christine Iben: Bei der Katze ist das ganz anders. Sie stammt aus Steppen- und Wüstengebieten, wo die libysche Falbkatze, die Vorgängerin unserer Hauskatze, immer auf ein reichhaltiges Nahrungsangebot traf und sich nicht mit Hungerperioden auseinandersetzen musste. So hat sich der Stoffwechsel der Katze evolutionär an das dauernde Nahrungsangebot angepasst und bestimmte Enzymaktivitäten gingen genetisch verloren, weil sie im Laufe der Entwicklungsgeschichte nie gebraucht wurden. Die Katze kann Beta- Karotin beispielsweise nicht in Vitamin A verwandeln, weil ihr das dafür notwendige Enzym in der Dünndarmschleimhaut abhanden gekommen ist bzw. keine Aktivität aufweist. Das sind feine kleine Unterschiede.

…die letztlich die Ursache dafür sind, dass man die Möglichkeiten von vegetarischer bzw. veganer Ernährung bei Hund und Katze unterschiedlich beurteilen muss?

Prof. Christine Iben: Ja, der Hund besitzt im Gegensatz zur Katze die Fähigkeiten eines Allesfressers in genügend hohem Ausmaß.

Kann eine vegetarische Ernährung eine Alternative für Allergiker sein?

Prof. Christine Iben: Das hängt davon ab, wogegen das Tier allergisch ist. Eine Futtermittelallergie richtet sich nicht gegen die Zusammensetzung der Proteine, also nicht gegen die Aminosäuren, die das Protein bilden, sondern gegen die Eiweißstruktur und die Größe der Proteinmoleküle. Diese ist in Milchprodukten anders, so dass eine vegetarische Ernährung hier eine Alternative sein könnte. Dennoch gibt es viele Hunde mit einer Rindfleischallergie, die dann auch gegen Kuhmilchprodukte allergisch sind. In diesen Fällen könnte man Ziegenmilch verwenden – oder Sojaprodukte.

Gibt es andere Gesundheitsaspekte, die für eine fleischlose Ernährung sprechen würden? Beispielsweise konnte eine Studie nachweisen, dass Hündinnen, die in selbst zusammengestelltem Hundefutter mit einem hohen Anteil an rotem Fleisch ernährt werden, häufiger an Mammatumoren erkranken. Auch verschiedene epidemiologische Studien beim Menschen stellen beispielsweise einen Zusammenhang zwischen einem hohen Rindfleischverzehr und höheren Krebsraten her.

Prof. Christine Iben: Mit gut aufgebauten Studien kann man sicher derartige Schlüsse ziehen. Beim Hund haben wir nur leider oft zu wenige Fälle, um wirklich zu guten epidemiologischen Studienergebnissen zu kommen. Natürlich kann man in einigen Punkten vom Menschen auf den Hund schließen. Aber im Vordergrund steht sicher das Problem der Energiezufuhr. Beim Menschen führt ein hoher Wurstverzehr mit entsprechend hohem Fettgehalt beispielsweise zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die den Hund aber weit weniger betreffen. Wenn der Hund nicht zu dick ist, denke ich nicht, dass eine vegetarische Ernährung gesünder ist. Der wichtigste Aspekt in der Ernährung ist meiner Ansicht nach die Energiezufuhr. „An seinem frühen Grab erschüttert, steh‘n jene, die ihn überfüttert“ – das schrieb Eugen Roth schon 1936 über den Hund!

Der Einwand, dass eine vegetarische oder vegane Ernährung beim Hund nicht artgerecht sei, kann somit in Summe nicht stehen bleiben?

Prof. Christine Iben: Ich sehe darin nicht wirklich das große Problem. Bei einer Kuh oder einem Pferd liegt die Antwort, was artgerecht ist, auf der Hand. Beim Hund, der so angepasst an den Menschen ist, möchte ich nicht sagen, dass eine vegetarische Ernährung nicht artgerecht wäre. Vielleicht ist eine vegane Ernährung nicht artgerecht, aber auch da steht die Frage im Raum, ob es den Hund stört? Wenn ihm das vegetarische oder vegane Futter schmeckt, er mit allen Nährstoffen ausreichend versorgt wird und ein gutes Umfeld hat, ist er wahrscheinlich glücklicher als ein Hund, der vielleicht Fleisch bekommt, aber irgendwo an der Kette hängt. Grade beim Hund ist das alles in Zusammenhang mit der Mensch-Tier- Beziehung eine viel differenziertere Frage.

Was artgerecht ist, definiert sich also aus der Mensch-Tier- Beziehung und nicht mehr aus dem Hund selbst heraus?

Prof. Christine Iben: Das könnte man so sagen … Man muss das Gesamtbild sehen und beurteilen, ob das Tier mit seinem Leben glücklich ist oder eben nicht. Dabei ist die Fütterung ein Aspekt von vielen. Wenn ein Hundehalter von seiner ethischen Überzeugung her ein absoluter Vegetarier ist, spricht nichts dagegen, dass auch sein Hund vegetarisch ernährt wird, solange das Futter alle für das Tier notwendigen Nähr- und Mineralstoffe enthält.

Frau Professor Iben, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview geführt von Kerstin Piribauer