Trend zum Schmusehuhn

Hühner sind Teil unserer Kultur – und das zunehmend in vielerlei bunten Facetten weit über die Verankerung des traditionellen Nutztiers in der Lebensmittelproduktion hinaus. Das Huhn als Schmuse- und Begleittier erobert zunehmend die Herzen der Menschen, und private Hühnerhaltung ist ein sprunghaft ansteigendes Phänomen im deutschsprachigen Raum. Noch sind altbekannte Vorstellungen, die wir mit dem Huhn verbinden, aktuell und allgegenwärtig: Dass Hühner – im Idealfall – auf dem Bauernhof herumlaufen, gehört zum idealisierten Bild ländlicher Idylle. Im Tiefkühlregal des Supermarkts finden wir kiloweise fein säuberlich zerlegt alle Körperteile von Hühnern, die zu den bevorzugten Lebensmitteln zählen. Eier essen, bemalen und verschenken wir, und nicht zuletzt wurde die Glucke mit ihren Küken zu einem sprachlichen Synonym der Sorge um schutzbedürftiges Leben. Allein schon angesichts all dieser positiven Aspekte scheint es bei genauerem Nachdenken absolut unverständlich, dass sich daneben dennoch die stehende Redensart vom „dummen Huhn“ über Generationen hinweg erhalten konnte.
Seit einigen Jahren aber wandelt sich das Bild vom Huhn, und immer mehr Menschen entdecken in diesem sogenannten Nutztier einen Partner für eine von Bindung und Fürsorge bestimmte intensive Mensch-Tier-Beziehung. Hühner werden therapeutisch in der Begleitung Demenz-erkrankter Menschen ebenso eingesetzt wie in der Bildungsarbeit, und immer mehr Menschen interessieren sich für eine private Hühnerhaltung hinterm eigenen Haus.

Private Hühnerhaltung gut überlegen

Ein paar Hühner sein eigen nennen und das frische Frühstücksei bester Bioqualität ganz frisch aus dem eigenen Garten holen? Diese Vorstellung scheint in einer Zeit der Rückbesinnung auf den eigenen individuellen Lebens-Wert sowie den der uns anvertrauten Umwelt vielen Menschen erstrebenswert. Wie bei jeder Haustierhaltung sollte man sich allerdings auch bei einer potentiell geplanten Hühnerhaltung zuvor mit den praktischen Fragen der Kosten, des Platzbedarfs und des zeitlichen Aufwands auseinandersetzen. Ob die eigenen ästhetischen Ansprüche an den Garten mit einer Hühnerhaltung vereinbar sind, ist nur eine der grundlegenden Fragen, die zuvor beantwortet werden müssen. Stroh bzw. Einstreu, Futtermittel inklusive Grünfutter, Tierarztkosten und eine entsprechende Ausrüstung wie beispielsweise eine Transportbox müssen finanziert werden. Daneben ist es durchaus sinnvoll, Rücklagen für Krankheitsfälle oder für notwendige Renovierungen im Stall anzusparen, und auch Ausgaben für die Weiterbildung des Hühnerhalters mit Büchern, Seminaren oder Workshops zur Tierhaltung und Verhaltensfragen sind einzukalkulieren.
Auch der zeitliche Aufwand ist wie bei jeder Haustierhaltung nicht zu unterschätzen, und der eigene Lebensstil sollte mit den Vorlieben der Tiere für einen gleichmäßigen standardisierten Tagesablauf mit zeitlich ritualisierten Handlungen und Aktivitäten kompatibel sein. So führt der erste Weg früh morgens auch den privaten Hühnerhalter in den Stall: Futter und Wasser müssen aufgefüllt werden, ein aktueller Überblick über den Gesundheitszustand der Hühner ist unverzichtbar, die Eier wollen eingesammelt und die Hühner ins Freie entlassen werden – womit der geeignete Moment für die tägliche Stallreinigung gekommen ist. Der weitere Tagesverlauf mutet hingegen fast idyllisch an: Den Hühnern beim Sandbaden zuzuschauen und ihre gelassene Lebensart auf sich wirken zu lassen, dient der Entspannung und damit nicht zuletzt der eigenen Gesundheit. Und schließlich benötigen auch die Hühner Kommunikation und Beziehungspflege, vor allem aber auch artgerechte Beschäftigungsmöglichkeiten, um Verhaltensproblemen und damit letztlich auch gesundheitlichen Problemen vorzubeugen.
Der Tag im Leben eines Huhns endet früh. Bereits vor der Abenddämmerung müssen die Hühner im Stall gesichert werden. Einmal durchzuzählen ist immer sinnvoll, um sicherzustellen, dass alle gut Zuhause sind. Frisches Wasser für die Nacht bereitzustellen, gehört ebenso zu den Selbstverständlichkeiten.

Neue Patientengruppe in der Kleintierpraxis

Aber auch das bestversorgte Huhn kann krank werden und einen Tierarzt benötigen, und selbstverständlich sucht der Besitzer eines Schmusehuhns, das in ähnlicher Weise wie Hund oder Katze zum Lebenspartner geworden ist, mit seinem gefiederten Patienten die gewohnte Kleintierpraxis auf, wo auch der Familienhund und die Hauskatze seit Jahren optimal versorgt werden. Der neue Hühnerbesitzer darf sich nun jedoch keinesfalls wundern, dass einige Dinge jetzt ein wenig verändert sind, denn das Huhn unterliegt in der tierärztlichen Praxis anderen rechtlichen Rahmenbedingungen als Hund und Katze.
Mit einigen Verordnungen hat der Hobbyhühnerhalter sich zu diesem Zeitpunkt bereits beschäftigt. Er weiß, dass die Geflügelhygieneverordnung, die die Haltung von Nutztieren regelt, für seine wenigen Schmusehühner nicht gilt, sondern erst ab einer Haltung von 350 Tieren zu beachten ist. Anders hingegen verhält es sich mit der Geflügelpestverordnung, die die behördliche Meldung der Hühnerhaltung im Sinne der Seuchenprävention bereits ab dem ersten Huhn zwingend vorschreibt. Spätestens beim ersten Tierarztbesuch wird der Hühnerbesitzer dann feststellen, dass das Tierärztegesetz hinsichtlich der Verordnung und Verschreibung von Arzneimitteln in der Behandlung seines gefiederten Familienmitglieds einiges mitzureden hat. Werden nämlich Tiere behandelt, deren Fleisch oder Erzeugnisse – hier die Eier! – zum Genuss für Menschen bestimmt sind, gelten eigene Bestimmungen hinsichtlich der Abgabe von Arzneimitteln aus der tierärztlichen Hausapotheke. Diese Bestimmungen haben in der Kleintierpraxis, deren Patienten in erster Linie Katzen, Hunde und Heimtiere sind, normalerweise keinerlei Relevanz, mit dem Patienten „Huhn“ aber ändern sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Viele der gängigen Arzneimittel, die bei Hund und Katze routinemäßig eingesetzt werden, und die dem erfahrenen Tierhalter längst bekannt sind, sind beim Huhn nicht anwendbar. Dies gilt insbesondere für einige antibiotische Substanzen, bei denen es zu einer Anreicherung im Eierstock kommt, und die daher bei Tieren, deren Eier dem menschlichen Verzehr dienen, nicht angewendet werden dürfen.

Schnelles medizinisches Handeln bei Geflügel unerlässlich

Der Krankheitsverlauf bei einem Huhn unterscheidet sich in vielen Fällen deutlich von den gewohnten Bildern bei Hund und Katze. Insbesondere Infektionen zeigen einen wesentlich schnelleren Verlauf: Pathologische Prozesse, die sich beim Säugetier über einen Zeitraum von zwei bis drei Tagen hinweg entwickeln, werden beim Vogel und beim Huhn innerhalb weniger Stunden akut, so dass kaum Zeit für den Beginn einer effizienten Therapie bleibt und Besitzer und Tierarzt schnell handeln müssen. Während der Einsatz von Antibiotika allein auf Basis einer Verdachtsdiagnose ohne den Nachweis einer bakteriellen Infektion bei Hund und Katze nahezu tabu ist, muss beim Huhn sofort gehandelt werden, und der Tierarzt wird dem gefiederten Patienten noch bevor ein Antibiogramm vorliegt ein Antibiotikum spritzen.
Zu den Notfällen, auf die der Hühnerhalter ein besonderes Augenmerk richten muss, gehören vor allem auch kleine Bissverletzungen des Huhns durch eine Katze oder Kleinnager. Leben Huhn und Katze gemeinsam in einem Haushalt und zeigt das Huhn plötzlich deutlich erkennbare Krankheitssymptome, ist der sofortige Gang in den tierärztlichen Notdienst angezeigt, denn in vielen Fällen führen derartige Bissverletzungen zu einer bakteriellen Infektion und nachfolgend zu einer Pasteurellose, die unbehandelt innerhalb von zwölf bis 24 Stunden tödlich verläuft.

Zoonosen als Erkrankungsrisiko

Ob Hühnerhaltung in privater Hand ein erhöhtes Risiko für Zoonosen (Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können) mit sich bringt, ist eine Frage, die immer wieder diskutiert wird und die in engem Zusammenhang mit hygienischen Maßnahmen steht. „Das Zoonose-Potenzial ist vorhanden, aber mit geeigneten Hygienemaßnamen gut zu kontrollieren“, fasst Prof. Dr. Rüdiger Korbel, Vorstand der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Zierfische der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Problematik zusammen, und spricht von einem „geringen Zoonose-Potenzial, aber einem hohen Hygiene-Problem“. Auch die in den Medien alljährlich präsente Vogelgrippe ist als zyklisch auftretende Geflügelseuche zu betrachten, die hinsichtlich ihres Ansteckungspotenzials für Mensch, Hund oder Katze von untergeordneter Bedeutung ist. Für Zoonosen, zu denen in Bezug auf die Haltung von Geflügel neben verschiedenen anderen Infektionserkrankungen beispielsweise auch die Atypische Geflügelpest (Newcastle Disease) gehört, gelten ähnliche Grundsätze wie bei einer Grippe-Infektion: Eine besondere Ansteckungsgefahr besteht vor allem für Kinder, ältere Menschen, schwangere Frauen oder Menschen, die auf Grund einer eigenen schwerwiegenden Erkrankung mit immunsuppressiven Medikamenten behandelt werden. Die als Beispiel angeführte Newcastle Disease ist eine anzeigepflichtige Erkrankung, betroffene Hühner leiden unter Apathie, Appetitlosigkeit, Durchfall und Atemnot, Schnabel und Augen sind mit einem zähen Schleim bedeckt. An Newcastle Disease erkrankte Hühner verenden meist nach einigen Tagen. Eine Ansteckung beim Menschen zeigt sich in einer Bindehautentzündung.

Von Mag. Kerstin Piribauer