Plötzlich wieder unsauber…

Terry liebt den roten Teppich im Stiegenhaus. Beim Weggehen und beim Nachhausekommen dokumentiert er diese Liebe auch gern mit einem Lackerl auf dem guten Stück. Während einer langen Runde zum Park und zurück zeigt der Mischlingsrüde hingegen bewundernswerte Zurückhaltung, um sich nach Betreten des Hauses auf „seinem“ Teppich zu lösen. Allerdings sehr zum Missfallen seiner Besitzer, die immer nervöser werden, je näher es zum Haustor geht. Und die dieses Missfallen leider auch lautstark auf Terry niederprasseln lassen. Terry, der aus dem Tierheim kommt und dort niemals Probleme mit Unsauberkeit hatte, beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf den roten Teppich, sondern erledigt sein Geschäft nun auch in der Wohnung. Vorzugsweise nachts oder wenn er allein zuhause ist. Als Herrchen, dem schon lange der Geduldsfaden gerissen ist, ihn unlängst wieder einmal anschrie, versuchte der Hund sogar zu schnappen.„Besitzer und Hund befinden sich mittlerweile schon voll in einer Negativspirale“, konstatiert Mag. Gudrun Braun, Cheftrainerin im Tierschutzhaus Wien-Vösendorf. Was ist hier schief gelaufen?
Mag. Braun: „Als Nichtbeteiligter kann man nur spekulieren, was diese Unsauberkeit ausgelöst hat. Vielleicht ist man einmal mit ihm zu spät hinausgegangen, er konnte nicht mehr an sich halten und wurde dafür geschimpft. Das hat ihn in Stress versetzt und den Hauseingang negativ verknüpft.“
Die Besitzer wurden offenbar zunehmend nervöser und gestresster je näher sie der bewussten Stelle kamen und dieser Stress übertrug sich zusätzlich auf Terry. Dazu kommt, dass viele Hunde, die für ́s Pinkeln geschimpft werden, daraus lernen, dass man sich nur in Abwesenheit von Frauchen und Herrchen lösen kann – also nachts bzw. wenn man allein zuhause ist.

Cool bleiben!

„Es ist ganz schlimm, wenn sich so eine Negativspirale aus Schimpfen, Stress und Angst aufbaut. Das wichtigste ist daher: das Malheur ignorieren, alles in Ruhe wegwischen, keinesfalls schimpfen. Also cool, cool, cool bleiben!!“, appelliert die Trainerin an Menschen, deren Hunde plötzlich unsauber werden. Denn Anspannung und Stress des Menschen übertragen sich auf den Hund, er gerät selbst unter Stress und kann mit Kontrollverlust der Blase reagieren. Unter den nicht-organischen Ursachen für plötzliche Unsauberkeit eines an sich bereits stubenreinen Vierbeiners steht daher dessen Stress an erster Stelle. Und der Stress des Tieres kann durch mehrere Faktoren verursacht sein:
Warum ist Frauchen böse auf mich? Ich hab keine Ahnung, aber irgendwie stresst mich das total.

  • Sorgen, psychische Probleme und Anspannung von Herrchen oder Frauchen (z.B. durch Jobverlust) übertragen sich auf den vierbeinigen Lebensgefährten.
  • Plötzliche Veränderungen in der Familie wie eine Trennung oder Scheidung belasten den Hund ebenfalls.
  • Eine neue Umgebung durch einen Wohnungsumzug mit fremden Gerüchen irritiert und verunsichert das Tier.

Ursachenforschung ist das Zauberwort

Der erste Schritt, um den Grund für die Unsauberkeit herauszufinden, ist selbstverständlich die Abklärung durch den Tierarzt. Können körperliche Faktoren ausgeschlossen werden, müssen andere Ursachen erforscht werden.
Mag. Gudrun Braun rät, folgenden Fragen nachzugehen:

  • Wann ist es das erste Mal passiert?
  • In welcher Situation? War Besuch da? Was könnte den Hund irritiert haben?
  • In welcher Umgebung?
  • Wie habe ich mich vorher verhalten? Nervös, gestresst?
  • Was hat sich für den Hund vorher verändert?
  • Wie habe ich auf das Malheur reagiert?

Wichtig ist, in der Ursachenforschung eigene Emotionen wegzulassen. Keinesfalls dürfen Sie die Unsauberkeit des Tieres persönlich nehmen und meinen, der Hund mache Ihnen das „zu Fleiß“. Das tut kein Tier!
Abhängig von der herausgefundenen Ursache sollten Sie dann an die Lösung schreiten. Befinden Sie sich im Moment z.B. in einer psychischen Krise, ist es besser, den Hund aus der Situation herauszunehmen und für einige Zeit bei einem Familienmitglied, einer Freundin oder einer anderen Vertrauensperson unterzubringen. Im Falle eines Umzugs sollte man die neue Umgebung von Anfang an für das Tier positiv verknüpfen, bewusst Ruhe in seinen Tagesablauf bringen und ihm eine Wohlfühlzone in der neuen Wohnung einrichten.
„Manchmal sind die Gründe aber auch ganz banal“, erzählt die Trainerin. „Ich kenne einen Fall, da ist der Besitzer durch Ursachenforschung drauf gekommen, dass sein Hund sich immer dann im Haus löste, wenn die Nachbarskatze auf der Terrasse war. Die Lösung war einfach. Der Hund wurde auf die Terrasse hinausgelassen, hat die Katze verjagt, die kam ebenso wenig wieder wie die Unsauberkeit“.

Mögliche gesundheitliche Störungen

Aber natürlich ist des Rätsels Lösung nicht immer so harmlos. Denn auch die körperlichen Ursachen für Inkontinenz können mannigfaltig sein und müssen vom Tierarzt abgeklärt werden. „Der Tierarzt wird zunächst die Vorgeschichte genau erheben“, erklärt Privatdozent Dr. Michael Leschnik von der Veterinärmedizinischen Universitätsklinik in Wien. „Sie sollten daher Auskunft geben können, ob der Hund eher im Schlafoder im Wachzustand inkontinent ist, ob er beim Urinieren die dafür typische Körperhaltung einnimmt oder den Harn im Gehen verliert.“
Auch der Hinweis auf eventuelle Schmerzen – erkennbar durch ein verändertes Gangbild und das Vermeiden bestimmter Körperhaltungen – ist von großer Bedeutung. Beobachten Sie außerdem, wie viel Wasser Ihr Hund trinkt. Sind es mehr als 50 bis 60ml pro Kilogramm Körpergewicht, so spricht man von einer gesteigerten Wasseraufnahme, für die bestimmte Störungen verantwortlich sind.
„Zumeist ist es erforderlich, Blut und Harn zu untersuchen, bei Bedarf können auch bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall oder Computertomographie Klarheit bringen.“
Im Folgenden gibt Dozent Leschnik einen Überblick über mögliche gesundheitliche Probleme, die zu unfreiwilligem Harnverlust bei Hunden führen können:
Schwäche des Blasenschließmuskels nach einer Kastration
Medikamente können in dem Fall die Kraft des Schließmuskels wieder stärken. Auch Hormonersatzpräparate können helfen.
Hormonstörungen
Ist die Funktion der Nebennierenrinde gesteigert, so trinkt der Hund vermehrt und setzt auch öfter Harn ab.
Diabetes mellitus
Eine verminderte Insulinproduktion in Folge der Zuckerkrankheit führt zu starkem Harndrang und großem Durst. Als Therapie erhält der Patient Insulin.
Diabetes insipidus
Ursache dieser Krankheit ist ein vermindertes Harnkonzentrationsvermögen der Niere durch eine Verminderung der Wasserrückresorption in den Sammelrohren der Niere, was vermehrten Harndrang und vermehrte Wasseraufnahme zur Folge hat. Behandelt wird mit einem Hormonersatzpräparat.
Reduzierte Nierenfunktion
Vermehrte Wasseraufnahme durch verminderte Harnkonzentration oder Eiweißverlust über die Nieren. Es bleiben giftige Substanzen im Körper zurück.
Schmerzen im Beckenbereich
Da der Schmerz alles andere überlagert, ist die Blasenkontrolle vermindert.  Therapiert wird mit Schmerzmitteln.
Neurogene Blasenentleerungsstörung
Leidet der Vierbeiner an einem Bandscheibenvorfall, an Arthrosen der Wirbelsäule oder degenerativen Rückenmarkserkrankungen, so kann der Harnabsatz nicht ausreichend gesteuert werden. Eine Behandlung des Grundproblems steht hier im Vordergrund.
Blasenentzündung
Auch hier kommt es typischerweise zu vermehrtem Harndrang. Behandelt wird mit einem Antibiotikum oder entzündungshemmenden Medikamenten.
Nur am Rande körperlich bedingt ist Unsauberkeit bei psychogenen Trinkern. Unausgelastete Hunde trinken oft aus Langeweile zu viel und müssen daher auch mehr Harn absetzen. Die Lösung des Problems: Regulierung der Wassermenge und Beschäftigungstherapie… Oft sieht man auch, dass ältere Hunde inkontinent werden. Nicht immer liegt hier eine unmittelbare organische Ursache vor. Mag. Gudrun Braun: „Wenn das Tier spürt, dass es nicht mehr so fit ist, weniger sieht, sich nicht so gut orientieren kann, bedeutet das Unsicherheit und Stress. Und dieser Stress wiederum kann Unsauberkeit auslösen“.
Ob jung, alt, gesund oder krank: In jedem Fall sollten Sie Ihrem vierbeinigen Lebensgefährten in dieser Krisensituation verständnisvoll begegnen und helfen statt schimpfen.

Von Hannelore Mezei