Notfall Gebärmutterentzündung

Lebensbedrohende Erkrankung der nicht kastrierten Hündin

Jana war eine fröhliche lebhafte Retriever-Mischlings-Dame, gerade einmal sieben Jahre alt. Die letzte Läufigkeit lag bereits einige Wochen zurück, als sie ein wenig ruhiger wurde, sich häufiger zurückzog, das Essen zeitweise verweigerte und weniger am Familienleben teilnahm. Janas Familie vermutete zunächst eine Scheinträchtigkeit, der zu Rate gezogene Tierarzt behandelte die Hündin zunächst auf Gastritis. Dass Jana vermehrt trank, interpretierte ihre Besitzerin als Nebenwirkung der Medikamente. Nach drei Wochen wurde Jana Sonntagnachmittags als Notfall in eine Klinik eingeliefert, die innerhalb kürzester Zeit eine hochgradige eitrige Gebärmutterentzündung diagnostizierte. Trotz sofortiger Not-OP verstarb die Hündin in der darauffolgenden Nacht.
Risiko nach der Läufigkeit

Die Pyometra, so der medizinische Fachausdruck für eine eitrige Gebärmutterentzündung, ist eine ernsthafte Erkrankung der Hündin. Erfolgt keine rechtzeitige Therapie, treten die Bakterien, die sich zunächst in der Gebärmutter ansammeln und dort ein optimales Klima für ihre Vermehrung finden, nach einiger Zeit in die Blutbahn über und werden so durch den gesamten Organismus geschwemmt: Aus der ursprünglich lokalen Problematik ist jetzt eine gefährliche systemische Erkrankung, eine Blutvergiftung, geworden, und jede weitere Verzögerung einer zielführenden Therapie bringt die Hündin in Lebensgefahr.
Eine Pyometra entsteht im Normalfall im sogenannten Metöstrus. Das ist die Phase nach der Läufigkeit, in der jede Hündin naturgemäß scheinträchtig ist, denn der hormonelle Status der nicht-tragenden Hündin entspricht exakt dem der trächtigen Hündin. Auch bei der Familienhündin, die während der Läufigkeit sicher vor jedem Rüdenkontakt geschützt war, sorgt eine hohe Konzentration des Trächtigkeitshormons Progesteron jetzt dafür, dass der Gebärmuttermund geschlossen ist und in der Muskulatur der Gebärmutter absolute Ruhe herrscht – Sicherheitsmaßnahmen von „Mutter Natur“, um eine zu diesem Zeitpunkt eventuell bestehende Trächtigkeit halten zu können. Damit finden Bakterien, die während der Läufigkeit in die Gebärmutter der Hündin gelangt sind, optimale Bedingungen: Denn die Gebärmutter ist jetzt geschlossen, und es wird in dieser Phase zu keinem Reinigungsmechanismus kommen.

Ältere Hündinnen
besonders gefährdet

Dass ältere Hündinnen ein deutlich höheres Risiko haben als jüngere, an einer eitrigen Gebärmutterentzündung zu erkranken, hat verschiedene Gründe. Abgesehen davon, dass die Aktivität des Immunsystems altersbedingt eventuell bereits ein wenig eingeschränkt ist, hat die Hündin im fortgeschrittenen Alter bereits viele Zyklen hinter sich. Der ständig wechselnde Östrogen- und Progesteroneinfluss, unterbrochen jeweils durch eine lange Phase der hormonellen Ruhe, führt zu deutlichen Veränderungen an der Gebärmutterschleimhaut: Das Östrogen, dem jede nicht-tragende Hündin genauso ausgesetzt ist wie eine Zuchthündin, führt zu einer Verdickung der Schleimhaut, die sich so auf die Einnistung eventueller Embryonen vorbereitet. Nach dem Eisprung sorgt das Progesteron dafür, dass die Drüsentätigkeit einsetzt, um für eventuelle Embryonen optimale Bedingungen zu schaffen und ihre Ernährung sicherzustellen. Auch wenn diese Veränderungen sich ohne Trächtigkeit natürlich teilweise wieder zurückbilden, bleiben oft kleine Nischen zurück, die in der Gebärmutter einer älteren Hündin immer erkennbar sind und in denen sich die Bakterien hervorragend einnisten können.

Auf welche Symptome
sollte man achten?

Auch wenn es das absolut sichere Symptom, an dem der Besitzer die drohende Gefahr einer Gebärmutterentzündung frühzeitig erkennen könnte, nicht gibt, ist vor allem der vermehrte Durst eines der klassischen Anzeichen. Viele Hündinnen trinken vermehrt und versuchen damit, die Giftstoffe, die durch die bakterielle Entzündung in den Blutkreislauf gelangen, auszuschwemmen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Gebärmutter bereits deutlich mit Eiter gefüllt, und die Erkrankung ist in ein systemisches, das heißt den gesamten Organismus betreffendes Geschehen übergegangen. Entgegen der Annahme vieler Hündinnenbesitzer, ist ein Ausfluss nur dann erkennbar, wenn die Hündin sozusagen das „Glück“ hat, dass sich der Muttermund schnell öffnet oder zusätzlich zur Pyometra eine funktionelle Störung der Eierstöcke vorliegt, die die Wirkung des Progesterons und damit die Schließung des Muttermundes von vornherein verhindert. Nur in diesen Fällen würde ein Ausfluss sichtbar werden. Einige Hündinnen zeigen eine möglicherweise schmerzbedingte Lahmheit in den Hinterbeinen – oder lange auch gar keine Symptome. Kommt die Hündin dann sechs oder acht Wochen nach der Läufigkeit als Notfall zum Tierarzt, hat sich die Krankheit bereits lange entwickelt, denn der gesamte Prozess begann mit dem Verschluss der Gebärmutter am Ende der Läufigkeit.

Die Diagnostik beim Tierarzt

Wird eine Hündin mit Verdacht auf Gebärmutterentzündung dem Tierarzt vorgestellt, steht am Anfang im Normalfall eine gynäkologische Untersuchung. Dabei wird zum einen das Zyklusstadium bestätigt, zum anderen ist zugleich erkennbar, ob der Muttermund offen oder geschlossen ist – eine wichtige Information hinsichtlich der Therapiemöglichkeiten. Die endgültige Diagnose erfolgt dann über eine Ultraschalluntersuchung. Zeigt sich dabei eine trübe Flüssigkeitsfüllung der Gebärmutter, führt dies in Zusammenhang mit der klinischen Symptomatik unmittelbar zur Diagnose einer Pyometra.

Konservative oder chirurgische
Therapie?

Unter bestimmten Voraussetzungen kann bei Hündinnen, die noch in der Zucht eingesetzt werden sollen, oder bei Hündinnen, bei denen aus medizinischen Gründen eine Narkose vermieden werden sollte, eine konservative Therapie in Erwägung gezogen werden. Dabei wird ein Medikament injiziert, das die Wirkung des Progesterons aufhebt, damit sich der Gebärmuttermund nach ca. 24 bis 48 Stunden öffnen und der Eiter abfließen kann. Für diesen Therapieversuch muss der Allgemeinzustand der Hündin allerdings noch weitgehend unbeeinträchtigt sein, und zudem darf keine hochgradige Füllung der Gebärmutter vorliegen, denn je mehr Eiter sich dort befindet, desto höher ist die Gefahr einer Ruptur. Dabei gibt die Gebärmutterwand nach und reißt schließlich ein, die Flüssigkeit kann in den Bauchraum fließen, und die Hündin ist der lebensbedrohlichen Gefahr einer Bauchfellentzündung ausgesetzt. Hat die vorangegangene gynäkologische Untersuchung ergeben, dass der Gebärmuttermund bereits geöffnet ist, ist diese Gefahr wesentlich geringer, und eine konservative Therapie, in der die Hündin natürlich antibiotisch und mit Entzündungshemmern unterstützt werden muss, ist erfolgversprechender.
Gibt es keine Alternative zu einer chirurgischen Behandlung, muss die Operation so schnell wie möglich erfolgen. Eine Gebärmutterentzündung, die bereits deutliche Anzeichen einer systemischen Erkrankung zeigt, ist ein Notfall! Nach der Operation verbessert sich der Allgemeinzustand der Hündin zumeist sehr schnell, da die Quelle der Giftstoffe, die in den Blutkreislauf gelangten, entfernt ist. Dennoch steht oft die Frage im Raum, ob die Hündin in einem eventuell bereits sehr schlechten Allgemeinzustand überhaupt noch operiert werden kann. Angesichts mangelnder Alternativen ist die Antwort eindeutig: Die Situation kann sich nur mehr verschlechtern, solange die Ursache nicht entfernt ist. Die Bakterien werden sich weiter vermehren, die Giftstoffe weiter in den Blutkreislauf übertreten. Eine kurze Infusionstherapie vor dem Eingriff kann die Hündin stabilisieren und die Narkosefähigkeit verbessern – aber es gibt jetzt keine Alternative zur sofortigen chirurgischen Therapie.
Im Idealfall kann die Hündin bereits am Tag der Operation in häusliche Pflege entlassen werden. Befand sie sich aber vor der Operation in einem sehr schlechten Allgemeinzustand, kann eine stationäre Betreuung über Nacht, um die Infusionstherapie fortzusetzen, auch jetzt noch lebensrettend sein und den Genesungsprozess beschleunigen. n

Physiologischer Prozess
begünstigt Pyometra

Ein Forschungsteam rund um die Biologin Dr. Cordula Gabriel vom Institut für Anatomie, Histologie und Embryologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien fand einen weiteren eventuell entscheidenden Faktor, der die Infektion der Gebärmutterschleimhaut mit Bakterien während des Metöstrus begünstigt. Vor einer möglichen Trächtigkeit bildet die Gebärmutterschleimhaut der Hündin in einem absolut physiologischen Vorgang Fettdepots aus, sogenannte Schaumzellen, die das Einnisten des Embryos und damit die Trächtigkeit unterstützen. Die Wiener Forscher konnten erstmals nachweisen, dass genau der gleiche Faktor, der einerseits das Anlegen dieser Fettdepots ermöglicht, gleichzeitig Bakterien das Anheften an die Gebärmutterschleimhaut erleichtert und damit zum Risikofaktor wird, dass die Hündin während der Zeit des Metöstrus eine schwerwiegende bakterielle Infektion der Gebärmutter entwickelt.

Von Kerstin Piribauer