Minimal-invasive Chirurgie in der Kleintiermedizin

Minimal-invasive ChirurgieIst ein chirurgischer Eingriff unumgänglich und ein Operationstermin für den besten Freund auf vier Pfoten geplant, sind Herrchen und Frauchen zumeist in großer Sorge. Viele Fragen stellen sich: Wie belastend wird der Eingriff sein? Wie schnell wird der geliebte Vierbeiner sich erholen? Glücklicherweise oft schneller als befürchtet. Denn auch in der Tiermedizin helfen heute modernste Operationstechniken der minimal-invasiven Chirurgie, den notwendigen Eingriff so schonend wie möglich für den Patienten zu gestalten. Die kleinen, oft nur gut einen Zentimeter langen Schnitte, durch die die endoskopische Optik und die Instrumente in den Körper eingeführt werden, gaben dieser Operationstechnik den Beinamen der „Schlüssellochchirurgie“. Dabei werden die Bilder aus dem Inneren des Körpers in mehrfacher Vergrößerung auf einen Bildschirm übertragen, und die Arbeit des Chirurgen, die Beurteilung des Operationsfeldes und die Führung der Instrumente orientieren sich ausschließlich an diesen Bildern. Diese Methode wird in der Tiermedizin heute bei vielen verschiedenen Indikationen eingesetzt. In der orthopädischen Chirurgie bietet die Arthroskopie genaue diagnostische und oft zugleich therapeutische Möglichkeiten, aber auch bei vielen Eingriffen im Bauchraum besteht neben der traditionellen Methode mittels Bauchschnitt die Möglichkeit eines minimal-invasiven Eingriffs im Rahmen einer Laparoskopie – so der Fachbegriff für einen endoskopischen Eingriff im Bauchraum. „mein HAUSTIER“ sprach mit Univ. Prof. Dr. Gilles Dupré, Klinikvorstand der Kleintierchirurgie der Veterinärmedizinischen Universität Wien und einer der international führenden Wissenschaftler im Bereich der minimal-invasiven Chirurgie, über diese Form des Eingriffs.

Frage: Herr Professor Dupré, heute können auch in der Tiermedizin viele Operationen im Bauchraum im Rahmen einer Laparoskopie durchgeführt werden. Was sind die häufigsten Indikationen für diese Technik?

Prof. Gilles Dupré: „Grundsätzlich sind die Einsatzgebiete der minimal-invasiven Chirurgie die gleichen wie die der offenen Chirurgie. Beim Menschen ist die minimal-invasive Chirurgie längst Goldstandard für viele Indikationen. Beim Rüden können beispielsweise im Bauchraum verbliebene Hoden in einem kurzen Eingriff minimal-invasiv entfernt werden. Für die Hündin ist die endoskopische Kastration wesentlich schonender und birgt gegenüber der traditionellen verhältnismäßig großen Operation mittels Bauschschnitt entscheidende Vorteile. Eine weitere Indikation wäre die Gastropexie, die Befestigung des Magens an der Bauchdecke, um beispielsweise bei besonders gefährdeten großen Rassen eine Magendrehung zu verhindern. Das ist eine sehr effektive präventive Maßnahme, die das Risiko deutlich senkt und die wir auch bei Patienten, Die laparoskopische Kastration der Hündindie keine Magendrehung, sondern nur eine Dilatation, eine Aufgasung des Magens hatten, einsetzen. Nach einer entsprechenden Behandlung der Dilatation führen wir zwei bis drei Tage später eine minimal-invasive Gastropexie durch, die den Hund in der Folge vor einer vollständigen Magendrehung schützt. Oder wenn beispielsweise im Rahmen einer normalen offenen Kastration noch Reste der Eierstöcke in der Hündin verblieben sind, finden wir dieses Restovar in der Vergrößerung und Beleuchtung, die der laparoskopische Eingriff bietet, sofort und können es problemlos entfernen. Und wie in der Humanmedizin stellt diese Technik auch bei einigen Tumoroperationen eine effiziente und erfolgreiche Möglichkeit dar.“

Aber ist Tumorchirurgie nicht eher eine große aggressive Chirurgie?

Prof. Gilles Dupré: „Man muss beides sehen: die Größe des Tumors und den Vorteil des kleinen Lochs. Zunächst scheint es nicht unbedingt kompatibel, einen großen Tumor durch ein kleines Loch entfernen zu wollen, obwohl es auch dafür spezielle Techniken gibt. Aber es ist immer möglich, laparoskopisch assistiert zu arbeiten. Das bedeutet, die endoskopische Kamera und einige andere Instrumente werden durch kleine Löcher in den Körper eingebracht. Schließlich werden die Ränder eines Lochs mit einem Plastikring abgedeckt und gespannt. So sind die Wundränder geschützt und kommen mit keinen Tumorzellen in Berührung, wenn der Tumor schließlich durch diesen Spannungseffekt herausgeholt werden kann. Das machen wir regelmäßig bei kleineren Tumoren. Der große Vorteil der minimal-invasiven Chirurgie im Rahmen der Tumorchirurgie besteht zudem darin, dass man die Lymphknoten im Bauchraum besser sieht und somit auch besser beurteilen kann. Zudem kann das Endoskop in Bereiche vordringen, die mit den Händen kaum erreichbar sind. So gewinnt man einen guten Überblick über die gesamte Bauchhöhle, womit auch eine unnötige Chirurgie vermieden werden kann. Die Entfernung der Milz wäre eine weitere Indikation für einen laparoskopisch assistierten Eingriff. Dazu sind drei kleine Löcher für das Endoskop und zwei weitere Instrumente notwendig sowie ein größeres, um das Gewebe mit der Hand herausnehmen zu können. Der Chirurg verfolgt seine Arbeit im Operationsfeld dabei ausschließlich am Bildschirm.“

Wie sieht der Ablauf einer endoskopischen Kastration für die Patienten aus? Bedarf es einer besonderen Vorbereitung?

Prof. Gilles Dupré: „Die Vorbereitung erfolgt ganz genauso wie bei jeder anderen Operation auch, egal ob wir einen laparoskopischen oder einen traditionellen Eingriff planen, das ist vollkommen gleich – auch hinsichtlich der Vorbereitung und Einleitung der Narkose. Genauso wie in der Humanmedizin sollte auch beim Tier immer die Möglichkeit bestehen, von einer Laparoskopie zu einem ganz normalen Eingriff wechseln zu können. Die Möglichkeit, dass man am Beginn der Operation durch die sogenannten Knopflöcher arbeitet, aber dann aus irgendeinem Grund – das können beispielsweise neue während der Laparoskopie gewonnene diagnostische Erkenntnisse sein – doch die Bauchhöhle öffnen muss, ist immer gegeben. Die Vorbereitung sollte so geplant sein, dass dieser Wechsel immer möglich ist.“

Welche Vorteile dieser minimal-invasiven Methode für die Patienten zeigen sich nach der Operation?

Prof. Gilles Dupré: „Viele Studien haben bewiesen, dass der Wundschmerz nach einer laparoskopischen Operation weit geringer als bei einem Bauchschnitt ist, ebenso die Infektionsgefahr. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass die Erholungsphase sehr viel kürzer ist.“

Neben den Vorteilen für die Patienten ergeben sich aber auch für den Chirurgen einige wesentliche Konsequenzen…

Prof. Gilles Dupré: „Die bessere Sicht ist ein ganz wichtiger Vorteil für den Chirurgen! Eine mögliche Komplikation der klassischen Kastration in der offenen Chirurgie beispielsweise ist, dass die Eierstöcke nicht vollständig entfernt werden. Diese Gefahr besteht insbesondere bei fettleibigen oder sehr kleinen Hündinnen, die dann sechs oder zwölf Monate später noch Anzeichen einer Läufigkeit zeigen. In diesen Fällen ist ein erneuter Eingriff erforderlich. Mit der optischen Vergrößerung des Operationsfeldes in der endoskopischen Methode kann diese Komplikation absolut vermieden werden. Ich habe noch nie erlebt, dass nach einer laparoskopischen Kastration eine nachträgliche Entfernung von Restgewebe notwendig wurde.“

Kann man sich die Laparoskopie somit als eine reine Bildschirmarbeit vorstellen?

Prof. Gilles Dupré: „Ja, wir arbeiten am Bildschirm! Das ist eine vollkommen andere Art der Operation, eine sehr saubere Chirurgie. Es gibt keine Blutung, nichts. Wir verfolgen am Bildschirm, wie wir mit den Instrumenten im Bauchraum arbeiten. Das ist eine andere Welt, und wer einmal begonnen hat, mit diesen minimal-invasiven Methoden zu arbeiten, wird den Weg nie wieder zurückgehen. Wir pflegen in diesem Bereich auch eine enge Zusammenarbeit mit der Humanmedizin, da gibt es viele Kooperationen auf verschiedenen Ebenen. Es ist der höchste technische Stand der Humanmedizin, der dabei dem Tier zugute kommt. Die gesamte Entwicklung der Kleintiermedizin ist dadurch gekennzeichnet, dass wir die Fortschritte der Humanmedizin sozusagen immer geerbt haben hop over to this website. Am Anfang einer neuen technischen Entwicklung oder eines neuen Gerätes kostet alles sehr viel Geld, aber sehr bald sinken die Kosten, und dann kann die Kleintiermedizin von diesen Entwicklungen profitieren. Beispielsweise hätten wir vor fünf Jahren niemals gedacht, die neuesten Versiegelungsgeräte anwenden zu können. Heute nutzen wir diese Technik der Elektrochirurgie, die mit einer geringeren Temperatur das Gewebe nicht verbrennt, sondern die Gefäßwände versiegelt, sozusagen miteinander verklebt, jeden Tag. Das umliegende Gewebe wird so wesentlich weniger belastet, und zudem ermöglicht es eine sofortige Kontrolle der Blutung. Mit nur einem speziellen elektrochirurgischen Instrument wird das Gewebe gleichzeitig mit einer Klinge durchtrennt und versiegelt. Wir erben immer, was in der Humanmedizin gemacht wird.“

Wo liegen die Grenzen der minimal-invasiven Chirurgie?

Prof. Gilles Dupré: „Die Limits sind die Fähigkeiten des Chirurgen, die Größe eines Tumors und die Frage nach dem gesundheitlichen Gewinn! Wir müssen mit dem Einsatz dieser Operationstechniken etwas gewinnen! Unsere Priorität ist allein die Gesundheit des Patienten. Wenn wir mit einem minimal-invasiven Eingriff dreimal mehr Zeit brauchen, ist das kein Vorteil für den Patienten. Minimal-invasive Chirurgie ist kein Dogma! Am Ende ist entscheidend, dass nicht nur die Chirurgen und Besitzer mit dieser Methode glücklich sind, sondern vor allem die Patienten. Das ist unsere Priorität!“

Herr Professor Dupré, herzlichen Dank für das Gespräch!

Von Mag. Kerstin Piribauer