Mein Hund, der Angsthase…

So verhelfen Sie Ihrem Vierbeiner zu mehr Mut und LebensqualitätBella hat Angst vor fremden Menschen. Wann immer ihr beim Freilauf ein unbekannter Spaziergänger entgegenkommt, ergreift die Hündin in Panik die Flucht. Obwohl sie unter normalen Bedingungen auf Abruf zurückkommt, bleibt in diesem Fall jedes Rufen ihres Besitzers vergeblich. Sie ist dann, wie ihr Herrchen meint, „ungehorsam“. Doch mit Ungehorsam hat diese Reaktion des Hundes nichts zu tun. Bella kann während einer Angstattacke schlicht und einfach nicht „klar denken“ und auf Herrchens Rufen reagieren. Sie hört es gar nicht. Schuld daran ist ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn. „Während einer akuten Stress- oder Angstattacke werden im Gehirn Notfallprozesse in Gang gesetzt, die auf Kampf oder Flucht vorbereiten“, erklärt der Verhaltensforscher James O´Heare in seinem Buch „Die Neuropsychologie des Hundes“ (animal learn Verlag). „Dafür werden vermehrt die Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin ausgeschüttet, gleichzeitig wird aber jener Bereich des Gehirns, der für Lernen und höhere Denkprozesse zuständig ist, ruhig gestellt. Akute Angst hebt zeitweilig das rationale Denken auf“. Das heißt, Konzentration und Wahrnehmungsfähigkeit sind eingeschränkt und es ist dem Hund unmöglich, in dieser Situation früher Erlerntes abzurufen. Angst gehört grundsätzlich zum Leben und ist eine wichtige und natürliche Reaktion jedes Lebewesens, weil sie vor Gefahren schützt. Problematisch wird es aber, wenn für die Angst kein objektiver Grund vorhanden ist und häufige Ängste die Lebensqualität beeinträchtigen oder gar zu Angstaggression führen.

Woher kommt die Angst?

Die Ursachen von Ängsten beim Hund sind vielfältig: Sie können genetisch bedingt sein, auf mangelnde Sozialisierung im Welpenalter zurückzuführen sein, aber auch Misshandlung und andere traumatische Erfahrungen lassen beim Tier Ängste zurück. Sehr oft handelt es sich um erlernte und assoziierte Ängste. Ein Beispiel für eine erlernte und assoziierte Angst: Der Vierbeiner bekommt vom Tierarzt eine Spritze. Das tut ihm weh. In der Folge verknüpft er den Tierarztbesuch mit Spritze und Schmerzen und hat Angst davor. Da er sich von da an beim Tierarzt immer schwieriger verhält, bekommt er vorher einen Maulkorb verpasst. Das wiederum führt dazu, dass er den Maulkorb mit dem Tierarzt assoziiert und nun auch vor dem Maulkorb Angst hat…

Rückzug oder Hyperaktivität als Anzeichen

Wie können wir unseren vierbeinigen Lebensgefährten aus diesem Teufelskreis von Stress und Angst heraushelfen? „Zunächst müssen wir die Anzeichen erkennen“, betont Mag. Gudrun Braun, leitende Hundetrainerin im Wiener Tierschutzhaus. Hunde können auf zweierlei Art ihre Ängste zeigen: 1. Sie reagieren panisch, ziehen sich zurück, laufen weg, verstecken sich. Oft zittern sie auch, rühren sich überhaupt nicht und sind wie versteinert. Dieses Verhalten kann man sehr leicht als Angstreaktion erkennen. 2. Der Hund gerät in eine Hyperaktivität mit Hochspringen, Zwicken, wildem Herumlaufen, Erregungszwicken. „Diese Reaktion darf nicht verwechselt werden mit spielerischem Verhalten eines lebhaften, fröhlichen Hundes“, so Mag. Braun. „Der Hund reagiert so, weil er mit einer Situation überfordert ist und sich absolut nicht wohl fühlt. Viele Besitzer erkennen das nicht und interpretieren es als Fehlverhalten“. Um eine falsche Interpretation des Verhaltens auszuschließen, sollte man auf wichtige Stressanzeichen beim Hund achten. Neben den typischen körpersprachlichen Symptomen wie eingezogenem Schweif, angelegten Ohren, nervösem Hecheln etc. weist Mag. Braun auch auf die subtileren Anzeichen hin: Schuppen, vermehrter Speichelfluss, erweiterte Pupillen, Haarverlust außerhalb der Haarwechselphasen, schwitzende Pfoten. Letzteres kann man leicht erkennen, wenn der Hund z.B. auf einem Fliesenboden feuchte Pfotenabdrücke hinterlässt. Haben Sie bei Ihrem Liebling solche Zeichen der Angst erkannt, müssen Sie zuerst durch genaue Beobachtung des Tieres in verschiedenen Situationen herausfinden, welche Auslöser dafür verantwortlich sind. Erst dann können Sie daran gehen, dem Hund gezielt die Angst vor diesem Auslöser zu nehmen.

Komfortzone und Ruhezeit

So erklärt Mag. Braun: „In jedem Fall ist es wichtig, dem Hund in so einer Situation eine Komfortzone zu bieten, in der er sich beruhigen kann. In der Wohnung kann das sein Bettchen sein oder eine Art Höhle, in der er sich verkriecht. Den Platz sucht sich der Hund selbst aus und man sollte dann auf seine Bedürfnisse eingehen. Üblicherweise ist das nämlich nicht der Ort, wo sich das Designer-Hundebett optisch besonders gut macht…“. Angshase_2Außerhalb der Wohnung kann vielleicht der Kontakt mit Artgenossen oder auch die Distanzvergrößerung zum Angstauslöser eine „Komfortzone“ bieten. Wenn er Angst vor fremden Menschen auf der Straße hat, kann in dieser Situation seine Komfortzone ein Ausweichen oder das Wechseln der Straßenseite darstellen. Überaktive Hunde sollte man durch wiederholtes Belohnen für ruhiges Verhalten grundsätzlich zur Ruhe bringen. James O´Heare rät in seinem Buch außerdem zu einer mehrtägigen Ruhezeit nach einer massiven Angstattacke. „Der Körper benötigt Zeit, um das chemische Ungleichgewicht wieder in Balance zu bringen“. In der Ruhezeit sollte man den Hund mit so wenigen Stressfaktoren wie möglich konfrontieren, insbesondere der spezielle Angstauslöser muss vermieden werden. „Wichtig während dieser Ruhezeit ist hingegen eine verlässliche Routine im Tagesablauf“.

Strategien gegen die Angst

Mit verschiedenen Methoden ist es möglich, dem Hund zu helfen, seine Ängste abzubauen. Die häufigsten und erfolgreichsten sind Desensibilisierung und Gegenkonditionierung.

Desensibilisierung: „Das Motto der Desensibilisierung lautet: In kleinen Schritten sanft zum Ziel“, heißt es in dem Buch „Der ängstliche Hund“ von Nicole Wilde (Kynos Verlag). Man setzt den Hund dem Auslöser aus, der anfangs so schwach ist, dass es zu keiner Angstreaktion kommt. Allmählich steigert man die Intensität des Auslösers bis zu dem Punkt, an dem der Hund früher Angst bekam. Wenn man unter der Angstreaktionsschwelle bleibt, kann sich der Hund allmählich an den Auslöser gewöhnen.

Gegenkonditionierung: Darunter versteht man in der Praxis positive Verknüpfung. Nicole Wilde in ihrem Buch: „Eine unangenehme Reaktion auf einen Auslöser soll in eine angenehme Reaktion verwandelt werden, indem man den Auslöser mit etwas verbindet, das der Hund als wunderbar empfindet.“

Häufig werden in der Angstbewältigung beide Methoden miteinander kombiniert.

Im Folgenden einige Beispiele:

  • Fürchtet sich ein Hund vor Kindern, so sollte man ihn zuerst in ausreichender Entfernung zusehen lassen, wie sie irgendwo ruhig sitzen oder spielen. Dann verringert man die Distanz ganz langsam, doch immer nur so weit, dass der Hund unter seiner Angstschwelle bleibt.
  • Zum Abbau der Angst vor Geschaften und Einkaufszentren rat die Wiener Tierarztin und Verhaltenstrainerin Dr. Nora Marx-Dawid: .Gehen Sie mit dem Hund mehrmals zuerst an einem Sonntag oder abends, wenn nichts los ist, in eine Strase mit Geschaften. Besuche zu den Geschaftsoffnungszeiten beginnen Sie beispielsweise damit, dass eine Person, die Ihr Hund liebt, bereits vor dem Geschaft auf Sie wartet. Dann bleiben Sie mit dem Hund und dieser Person in einiger Entfernung vom Geschaft stehen und beobachten die Menschen, die dort ausund eingehen.¡§ So wird der angstliche Vierbeiner langsam desensibilisiert, gleichzeitig kommt es zu einer positiven Verknüpfung.
  • Hat Ihr Hund Angst vor Skateboards, Fahrrädern etc.? Dr. Marx-Dawid: „Beschaffen Sie sich leihweise diese Geräte und legen Sie sie in die Wohnung. Drum herum platzieren Sie Leckerlis. Gehen Sie immer wieder hin und inspizieren das Gerät, lassen Sie Ihren Hund dabei aber völlig unbeachtet.
    Noch wundert sich Bobby über die Skateboards, aber die Angst ist weg
    Noch wundert sich Bobby über die Skateboards, aber die Angst ist weg

    Wagt er sich langsam heran, so beginnen Sie, mit ihm in der Umgebung dieser vermeintlichen Gefahr ein Spiel.“

  • Eine geeignete Strategie bei Angst vor fremden Menschen auf der Straße: Wenn ein Mensch in Sicht, aber noch weit entfernt ist, füttern Sie Ihren Hund ganz besondere Leckerlis, die nur für diesen Zweck reserviert sind. Ein Leckerli nach dem anderen. Ist die „Gefahr“ wieder außer Sichtweite oder beginnt der Hund bei Annährung sich unwohl zu fühlen, sofort damit aufhören und die Straßenseite wechseln oder ein paar Schritte zurückgehen. .
  • Bei Angst vor Besuchern in der eigenen Wohnung können Sie folgendermaßen vorgehen: Bringen Sie den Hund vor dem Öffnen der Tür an einen sicheren Ort außer Reichweite und geben Sie ihm ein Kauspielzeug. Wenn er dann ins Wohnzimmer mit den Besuchern kommt, sollen diese ihn völlig ignorieren. Auch wenn er sich ihnen nach einiger Zeit nähert, sie beschnüffelt, weiter ignorieren. Wenn er entspannt ist, dürfen Besucher ihm mit einer kleinen langsamen Bewegung unter Schulterhöhe Leckerlis zuwerfen. Frisst er diese, so kann man den Abstand zwischen Leckerli und Besucher allmählich reduzieren. .
  • Ein besonders häufiges Problem ist die Angst unserer Vierbeiner vor Gewitter und ungewohntem Lärm. Auch hier kann man die Kombination aus Desensibilisierung und Gegenkonditionierung gut einsetzen: . Beginnen Sie schon in möglichst frühem Alter (am besten beim Welpen) jede Lärmquelle wie Donnergrollen oder Krach mit einem überschwenglichen „Suuper, toll“ und und Spielen mit dem Hund positiv zu belegen. .
  • Zur Desensibilisierung gibt es spezielle Geräusch-CDs. Spielen Sie diese zuhause, wenn der Hund sich wohl fühlt, mit Ihnen oder anderen Hunden herumtobt, zunächst leise ab, sodass er sich an diese Geräusche im Hintergrund gewöhnt und sie mit dem Spiel positiv assoziiert. Ganz langsam können Sie die Lautstärke erhöhen, die Situation muss aber immer positiv belegt sein – durch Spielen, Spaß, Leckerlis etc. .
  • Während eines Gewitters sollten Sie den Hund keinesfalls mitleidig trösten, damit verstärken Sie sein Verhalten nämlich. Bleiben Sie entspannt, sprechen Sie mit unbekümmerter Stimme und bieten Sie ihm einen Rückzugsort, das kann auch das Badezimmer sein.