Mehr Sicherheit für vierbeinige Diabetiker

Einfache kontinuierliche Überwachung
mit neuem Sensor-System

Für Hunde, die an Diabetes leiden, gibt es heute eine ebenso einfache wie sichere Methode, den Blutzuckerspiegel kontinuierlich zu kontrollieren und auf Basis dieses Wissens zu einer optimierten und auf den individuellen Patienten abgestimmten Therapie zu gelangen. Das routinehafte Blutzuckermessen mit Stechhilfen ist nicht mehr notwendig, beim neuen System misst ein unter der Haut sitzender Sensor die Glukosewerte fortlaufend bei Tag und Nacht und speichert diese automatisch. Beim Anbringen des Sensors wird ein kleiner, 5mm langer, flexibler Fühler unter die Haut platziert.

„mein HAUSTIER“ hat bei Privatdozent Dr. med. vet. Florian Zeugswetter von der Veterinärmedizinischen Universität Wien nachgefragt, welche Vorteile die neue Methode der automatischen Zuckermessung den vierbeinigen Diabetikern bringt.

mein HAUSTIER: Herr Dozent Zeugswetter, eine regelmäßige Messung des Blutzuckers, ein Glukosemonitoring, gehört bei einigen Erkrankungen zu den wichtigsten Kontrollmechanismen. Welche Patienten müssen in dieser Form überwacht werden und wie beurteilen Sie die Anwendung des neuen Sensor-Systems zur Zuckermessung?

Privatdozent Dr. Florian Zeugswetter: Ein kontinuierliches Glukosemonitoring dient der Therapieüberwachung bei Diabetikern sowie der Diagnose von Unterzuckerepisoden, beispielsweise bei Patienten, die unter einem Insulinom, dem häufigsten hormonell aktiven Tumor der Bauchspeicheldrüse, leiden. Mit dem neuen System, das auf einer Sensortechnologie basiert und für Hunde validiert ist, können wir gerade den Diabetikern unter unseren Patienten einen idealen Kontrollmechanismus anbieten, um die Wirkdauer und Stärke der Insulintherapie zu überprüfen und zu optimieren.

Wie hat sich das Glukosemonitoring in der Tiermedizin verändert?

Früher hat man bei diabetischen Hunden nur sehr wenige Messungen vorgenommen und sich fast ausschließlich an den klinischen Symptomen orientiert. Natürlich sind diese auch heute noch das wesentliche Kriterium, denn das Ziel der Therapie ist ein symptomfreier Hund, der nicht zu viel trinkt, nicht zu viel uriniert, keinen Heißhunger hat und nicht an Gewicht verliert. Das bleibt immer das wichtigste Kriterium zur Beurteilung der Therapie. Der nächste Schritt war die Zuckermessung im Harn, mit der aber lediglich Zuckerspitzen nachgewiesen werden konnten und die keine genauen Ergebnisse brachte. Etabliert sind heute eigene Glukometer für den tiermedizinischen Bereich, mit denen der Blutzucker am Ohr, an der Lefze oder seitlich am Ballen gemessen werden kann. Diese Methode ist aber nicht bei allen Patienten problemlos durchführbar, und es gibt natürlich auch Besitzer, die sich mit diesen Blutmessungen überfordert fühlen. In diesen Fällen müssen die Glukosewerte der Hunde regelmäßig beim Tierarzt bestimmt werden.

… was ja keine optimale Lösung ist, da nur mehrere über den Tag verteilte Messungen aussagekräftig sind …

Genau! Deswegen wurden diese Hunde stationär aufgenommen und ein Tagesprofil erstellt. Dabei stellt sich aber das Problem, dass die Hunde in der Klinik einen komplett anderen Lebensablauf haben. Die Fütterung und das Fressverhalten sind anders, sie sind eventuell gestresst, gehen nicht Gassi wie zuhause, kurz, das Umfeld und alle Faktoren, die den Zucker beeinflussen, sind verändert. Damit sind diese in der Klinik erhobenen Zuckerkurven mit den Kurven zuhause fast nie vergleichbar. Ein weiteres Problem all dieser Methoden war, dass man damit hauptsächlich am Tag arbeitet. Früher war man überzeugt, die Werte in der Nacht seien mit denen am Tag vergleichbar, aber heute sehen wir, dass dies keineswegs der Fall ist, denn durch die kontinuierliche Messung bekommen wir nun auch einen Überblick, was sich in der Nacht abspielt. Natürlich gibt es ein derartiges kontinuierliches Monitoring auch schon länger, Probleme bereiteten aber die Größe der Geräte und die Notwendigkeit, diese zu eichen. Der Besitzer musste dafür trotzdem immer wieder Blutzuckermessungen durchführen oder eben zum Tierarzt gehen und die Werte in das Gerät eingeben. Der große Vorteil des neuen seit August 2014 in der EU zugelassenen Sensor-Systems ist, dass man es nicht eichen und kein Blut nehmen muss! Damit hat eine neue Ära begonnen. Mit diesem Gerät können wir nun alle Hunde optimal überwachen. Mehrere über den Tag verteilte Einzelmessungen waren für den Tierarzt oft kaum zu interpretieren. Jetzt arbeiten wir mit Zuckerkurven, die uns den gesamten Tagesablauf zeigen, die wir übereinander legen und vergleichen können. So kristallisieren sich Trends heraus, die man mit Einzelmessungen nie erkannt hätte.

Wie funktioniert diese neue Technologie? Was geschieht dabei mit dem Patienten?

Dieses System funktioniert über eine Sonde, die einen halben Zentimeter tief unter die Haut geht und jede Minute den Blutzucker misst. Alle 15 Minuten wird der Wert gespeichert. Mit einem Ablesegerät können dann jeweils die letzten acht Stunden übertragen werden, und wir sehen einen genauen Verlauf der Zuckerkurven in diesem Zeitraum. Das Prinzip ist denkbar einfach: Die Sonde überträgt, speichert acht Stunden, ich lese die Daten ab, übertrage sie in den Computer, und ein eigenes Programm dazu bietet direkt alle notwendigen Auswertungen: Mittelwerte, Unterzuckerperioden, Zuckerspitzen … Wir befestigen diese Sonde seitlich am Hals des Hundes. Mittels eines Stempels wird der dünne Faden implantiert und die gesamte Sonde, die mit einem sehr starken Kleber ausgestattet ist, fixiert. Bei den meisten Hunden hält es mindestens eine Woche – und man kann damit sogar schwimmen gehen. Bei Hunden, deren Besitzer diese kontinuierliche Messung auf Dauer haben möchten, implantieren wir alle zwei bis drei Wochen neu. Das ist für die Hunde vollkommen komplikationsfrei. Das einzige, worauf sie manchmal reagieren, ist das Klackgeräusch beim Anbringen. Das kennen sie aber spätestens beim zweiten oder dritten Mal und sind dann vollkommen entspannt, was auch ein Beweis dafür ist, dass es nicht weh tut. Im Idealfall bleibt die Sonde 14 Tage oben, und wir bitten die Besitzer, während dieser Zeit eine Liste über die Tagesaktivitäten zu führen: Wann wurde der Hund gefüttert? Wann war er aktiv? Wann wurde Insulin gespritzt? Diese Protokolle benötigen wir zur Interpretation der Zuckerkurven.

Ergeben sich aus dieser verbesserten Überwachung Konsequenzen für die Therapie?

Absolut! Denn das Hauptproblem ist, dass jeder am Anfang schockiert sein wird, wie schlecht die Werte eines scheinbar gut eingestellten diabetischen Patienten in Wirklichkeit sind. Erst durch diese kontinuierliche Messung kommen wir drauf, dass Hunde, die einen wunderschönen Langzeitzuckerwert haben und deswegen als gut eingestellt gelten, trotzdem enormen Schwankungen ausgesetzt sind. Dieser Fructosamin-Langzeitwert ist ein Mittelwert, der sich aus sehr hohen und sehr niedrigen Werten ergibt. Wir dürfen uns auf das Fruktosamin nicht mehr verlassen! Früher haben wir uns in der Tiermedizin oft gewundert, dass so viele Hunde mit guten Fruktosamin-Werten trotzdem einen Grauen Star entwickelten. Heute wissen wir, dass diese Hunde, denen es klinisch gut geht und die als gut eingestellt gelten, trotzdem zu unterschiedlichen Zeiten im Tagesablauf massive Blutzucker-Schwankungen haben, die ausreichen, damit der Graue Star entsteht. Wir sehen beispielsweise viele Hunde, die in der Früh und am Abend hohe Werte und zwischendurch sehr niedrige haben. Bei diesen Patienten wirkt das Insulin zu kurz – was unbemerkt bleibt, wenn die Besitzer nur in der Früh und am Abend messen. Wir sehen auch sehr viele Unterzuckerepisoden in der Nacht, die niemand bemerkt hätte, weil der Hund schläft. All diese Dinge wussten wir in dieser Form nicht oder konnten sie nicht feststellen. Bei einigen Hunden fällt der Zuckerwert beim Gassigehen ab, bei anderen steigt er an, nicht jeder Patient reagiert gleich. Der Tierarzt muss sich auf Basis dieser Daten wirklich mit seinem Patienten beschäftigen. Es braucht ein wenig Erfahrung, um bei verschiedenen Problemen helfen zu können und zu überlegen, welche Insuline alternativ verwendet werden könnten. Ich denke, wir werden mit diesem System alle noch sehr viel lernen. Wir verwenden es auch bei Diabetikern, die operiert werden müssen. Bei diesen Patienten bringen wir die Sonde einen Tag vor dem geplanten Eingriff an, denn die Zeit während und nach der Operation ist schwierig für den Patienten und mit großen Zuckerschwankungen verbunden. Der Anästhesist kann den Zuckerwert so regelmäßig überprüfen. Nach der Operation kann der Besitzer die Werte zuhause weiter überwachen, denn viele Patienten haben am Tag nach dem Eingriff sehr hohe Werte, die eventuell durch Entzündungsreaktionen hervorgerufen werden, und brauchen mehr Insulin.

Bedeutet das, dass der Besitzer auch selbst sofort reagieren kann, wenn der Blutzuckerwert nicht passt?

Ja, absolut! Der Besitzer geht einfach mit dem Ablesegerät – es gibt inzwischen auch eine App fürs Handy – auf 4 Zentimeter an die Sonde heran und kann sofort den aktuellen Zuckerwert ablesen. Wenn der Wert unter 80 mg/dl sinkt, was auch bei gut eingestellten Diabetikern häufig der Fall ist, beginnt der Warnbereich. Jetzt sollte man öfter ablesen. Sinkt der Wert unter 60 mg/dl, sollte man aktiv werden und dem Hund ein Futter anbieten. Kommt es aber wirklich zu sichtbaren Symptomen eines Unterzuckers – der Hund möchte zum Beispiel nicht mehr aufstehen oder fällt nieder –, sollte der Patient einen Glukosesirup bekommen. Man braucht dann allerdings ein wenig Geduld, denn es dauert bis zu einer Viertelstunde, bis die Maximalwirkung erreicht wird. Daher sollte man die Dosis dieses Sirups auch nicht zu schnell erhöhen, sonst ergeben sich zum Zeitpunkt der Maximalwirkung extrem hohe Werte. Derartige Schwankungen sind eine enorme Belastung für das Gehirn, das hier ausgleichen und regulieren muss. Ideal ist, den Hund während dieser Viertelstunde noch einmal zu füttern, denn der Sirup ist zum Großteil ein schnell verfügbarer Einfachzucker. Um aber eine längere Wirkungsdauer zu erreichen und sicherzustellen, dass der Patient nicht wieder in einen Unterzucker fällt, ist diese zusätzliche Fütterung sinnvoll.

 

Liegt darin nicht auch eine große Chance, dass der Besitzer beginnt, sich intensiver mit der Erkrankung auseinanderzusetzen? Schließlich steigt seine Verantwortung mit diesen neuen Möglichkeiten …

Ja, und das ist wirklich eine Chance! Insbesondere deswegen, weil die Menschen ihre Tiere sehr gut kennenlernen. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie sich der Hund verhält, wenn die Werte zu hoch oder zu niedrig sind. Das ist einer der ganz großen Vorteile. Das Tier kann im Normalfall nicht 365 Tage im Jahr mit dem Sensor herumrennen, aber wenn es ihn zwei oder dreimal oben hatte, kann man die Gesamtsituation auch an den anderen Tagen sehr viel besser beurteilen. Außerdem kann man für den Patienten die individuellen Risikozeiten ermitteln. Es gibt Hunde mit Unterzuckerepisoden am Nachmittag, am Vormittag oder in der Nacht. Dieses individuelle Bild kann ich nur so erkennen. Die große Herausforderung ist die richtige Interpretation der Kurven, dazu muss sich eine gute Zusammenarbeit zwischen Besitzer und Tierarzt ergeben. In manchen Fällen muss man einen Insulinwechsel in Betracht ziehen oder zusätzlich einmal am Tag ein kurzwirksames Insulin spritzen. Auf diese Dinge käme man niemals ohne diese Form des Monitorings. Die Therapie ist damit absolut individualisiert.

Herr Dozent Zeugswetter, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer

Priv. Doz. Dr.
Florian Zeugswetter
Veterinärmedizinische
Universität Wien, Klinik für Kleintiere,
Abteilung für Interne Medizin
„Endokrinologische Ambulanz“