Meerschweinchen und Kaninchen beim Zahntierarzt

Die Zähne von Meerschweinchen und Kaninchen haben viele Gemeinsamkeiten: Bei beiden Tierarten wachsen sowohl die Schneidezähne als auch die Backenzähne lebenslang, um die starke Abnützung durch die Nagetätigkeit auszugleichen. Sie bestehen aus der sichtbaren Zahnkrone und aus der nicht sichtbaren Reservekrone, die der Wurzel entspricht und im Kieferknochen mit Hilfe des Zahnhalteapparates verankert ist. Es ist also nicht verwunderlich, dass diese kleinen Haustiere auch unter denselben Zahnproblemen leiden.

Übermäßiges Wachstum der Zähne

Obwohl Schneidezähne und Backenzähne gleich häufig zu lang werden, fällt den Tierhaltern meist nur ein übermäßiges Wachstum der Schneidezähne auf. Der Grund dafür ist, dass die Schneidezähne auch für den Laien leicht kontrollierbar sind, während wegen der doch sehr engen Verhältnisse in der Maulhöhle die Backenzähne für den Tierhalter meist unsichtbar bleiben. Um die Backenzähne beurteilen zu können, braucht auch der Tierarzt spezielle Untersuchungsgeräte.

Zu lange Schneidezähne

An den zu langen Schneidezähnen sind in etwa 90 Prozent der Fälle angeborene Fehlstellungen – z.B. durch ein zu kurzes Unterkiefer beziehungsweise ein zu langes Oberkiefer – schuld. Offensichtlich auch ein Zuchtproblem! In freier Wildbahn würden Tiere mit einem derartigen Problem nicht überleben, als Haustiere werden sie vom Tierarzt behandelt, aufgepäppelt und trotz der vorhandenen Problematik zur Zucht verwendet. Durch dieses Missverhältnis von Ober- und Unterkiefer treffen die Schneidezähne nicht aufeinander und die Zahnabreibung unterbleibt. Schließlich wachsen die Unterkieferschneidezähne schräg nach vorne – vergleichbar den Stoßzähnen eines Elefanten – während sich die Schneidezähne im Oberkiefer widderhornartig einrollen und auf den Gaumen zuwachsen. Normale Kieferbewegungen beim Fressen werden unmöglich, unbehandelt würden die betroffenen Tiere verhungern. Die zu langen Schneidezähne sind leicht zu korrigieren: Sie werden vom Tierarzt mit der Trennscheibe mit einem glatten Schnitt auf die richtige Länge gekürzt. Die Zähne sollten nicht mit einer Zwickzange – auch nicht mit der Zahnzwickzange abgezwickt werden, da dabei die Gefahr des Splitterns der Zähne mit Eröffnung der Pulpahöhle (Zahninneres mit Nerven und Blutgefäßen) besteht. Eine chronische und schmerzhafte Entzündung der Zahnpulpa könnte die Folge sein. Das Kürzen der fehlgestellten Zähne muss in regelmäßigen Abständen erfolgen. In einigen Fällen mit nicht allzu ausgeprägter Fehlstellung ist es auch möglich, durch einen bestimmten Korrekturschliff eine Selbstregulierung der Zähne anzuregen. Bei sehr massiven Fehlstellungen ist manchmal das Ziehen der Zähne die einzige Lösung.

Probleme mit den Backenzähnen

Die Ursache für zu lange Backenzähne ist meist ein zu geringer Zahnabrieb durch falsches, rohfaserarmes Futter. Als ehemalige Steppenbewohner benötigen Kaninchen und Meerschweinchen jedoch einen sehr hohen Rohfaseranteil im Futter, weshalb Heu immer ausreichend zur Verfügung stehen muss. Dieses muss lange gekaut werden, und beim Kauen reiben sich die Backenzähne aneinander ab. Leider wird im Handel sehr viel ungesundes Futter für Meerschweinchen und Kaninchen angeboten: Ölsamenreiche Fertigfuttermischungen mit viel Getreidekörnern, Nüssen, Fett und Zucker sättigen rasch, was dazu führt, dass die Tiere die Futteraufnahme schnell beenden und dann aus Langeweile leer fehlkauen – sie spielen sozusagen mit den Zähnen. Die Folge davon ist, dass die Zahnspitzen übermäßig und falsch angerieben werden, wodurch scharfe Spitzen entstehen. Je nachdem in welche Richtung die Backenzähne beim Fehlkauen falsch angeschliffen wurden, kommt es zu Verletzungen von Zunge oder Backenschleimhaut. Tiefe Wunden können entstehen, die Tiere leiden unter großen Schmerzen und hören auf zu fressen. Damit der Tierarzt die Zähne wieder auf das richtige Format zurechtschleifen kann, müssen die Tiere in Narkose gelegt werden. Nach dem Entfernen der Zahnspitzen heilen die Wunden rasch ab und die betroffenen Meerschweinchen oder Kaninchen beginnen wieder zu fressen.

Brückenbildung über die Zunge

Häufig bei Meerschweinchen, seltener beim Kaninchen, ist die Brückenbildung zu lang gewachsener Backenzähne über die Zunge. Der Grund für das häufigere Auftreten dieses Phänomens bei Meerschweinchen ist folgender: Meerschweinchenzähne sind natürlicherweise nach innen gerichtet, während Kaninchenzähne senkrecht gestellt sind. Wenn die Brückenbildung der Zähne nicht korrigiert wird, können die Tiere nicht mehr schlucken und verhungern trotz Futterangebotes. In fortgeschrittenem Stadium kommt es zum Absterben der Zunge. Um die Brückenbildung mit Trennscheibe und Schleifgeräten zu beheben, müssen die Tiere vorher narkotisiert werden.

Gefährliches retrogrades Wachstum der Backenzähne

Dabei wachsen nicht die Zahnkronen in Richtung Maulhöhle, sondern die Reservekronen (Zahnwurzeln) wachsen in den Kieferknochen hinein, was schließlich zur Abszessbildung führt. Kaninchen und Meerschweinchen sind davon gleichermaßen betroffen. Wegen der daraus resultierenden riesigen Auftreibungen im Unterkiefer ist auch für den Laien leicht erkennbar, dass ein krankhafter Prozess vorliegt. Es kommt schließlich zur Fistelbildung und Eiter rinnt ab. Beim retrograden Wachstum des Backenzahns in den Oberkiefer fällt einseitiger eitriger Augen oder Nasenausfluss auf. Die einzig mögliche Therapie beim retrograden Zahnwachstum ist das Ziehen des Zahnes.

Von Dr. Georg Mahr