Keine Angst vor der Narkose!

art-2Boxer Enzo ist bereits neun Jahre alt und soll morgen operiert werden. Obwohl ihr vierbeiniger Liebling sich generell einer guten Gesundheit erfreut, ist Enzos Frauchen doch ein wenig besorgt. Schließlich befindet sich der stattliche Boxer bereits in fortgeschrittenem Alter und gehört darüber hinaus einer brachyzephalen (kurzköpfigen) Rasse an, was die Anästhesie unter Umständen vor besondere Herausforderungen stellen kann. Dennoch hat sie sich für den vom Tierarzt dringend empfohlenen chirurgischen Eingriff entschieden. Hilfreich war ein ausführliches Vorgespräch mit dem Anästhesisten, der Enzo während der Operation betreuen wird. Dieser konnte sie weitgehend beruhigen und vor allem helfen, Enzo optimal auf den Eingriff vorzubereiten.

 

 

Vorbereitung beginnt am Vorabend der Operation

Damit Enzo für die Operation in Vollnarkose optimal vorbereitet ist, muss seine Besitzerin schon am Vortag einige Dinge beachten. Bereits jetzt sollte die Heimkehr mit dem vierbeinigen Patienten genau geplant werden, damit eine stressfreie Umgebung für den frisch operierten Hund garantiert ist. Dazu gehören auch eventuelle organisatorische Notwendigkeiten, andere im Haushalt lebende Tiere fernzuhalten, um eine möglicherweise zu erwartende stürmische Begrüßung zu unterbinden. Die Vorbereitung eines ruhigen

warmen Liegeplatzes für den vierbeinigen Patienten in der Nähe des Besitzers ist unerlässlich, damit er sich nach der Narkose ungestört erholen kann und gleichzeitig unter Aufsicht ist.

Da Hunde ebenso wie Menschen für die Narkose nüchtern sein müssen, dürfen sie mindestens zwölf Stunden zuvor nichts mehr essen. Genaue Zeitangaben, die der Tierarzt dazu mitgeteilt hat, müssen exakt eingehalten werden. Somit empfiehlt es sich, am Vortag des geplanten Eingriffs die gewohnte Abendmahlzeit möglichst frühzeitig zu verabreichen und danach alles Essbare aus der Reichweite des Hundes zu entfernen. Nur Wasser darf der vierbeinige Patient durchgehend bekommen und sollte jederzeit frei zugänglich sein. Bekommt der Hund regelmäßig Medikamente, muss deren Verabreichung im Umfeld der geplanten Narkose ebenfalls genauestens mit den behandelnden Tierärzten und Anästhesisten besprochen werden.

Da in Enzos Fall nicht nur der Patient selbst, sondern auch seine Zweibeinerin durch das ausführliche Beratungsgespräch optimal vorbereitet wurde, meistert sie nun auch die größte Herausforderung nahezu perfekt: Der Tag und vor allem der Abend vor der geplanten Narkose sollten weitgehend routinemäßig und mit den gewohnten Ritualen ablaufen. Die eigene Aufregung nur unterdrücken zu wollen, bringt allerdings wenig, denn in der engen emotionalen Bindung zwischen Mensch und Hund bleiben dem Vierbeiner die Gefühle und Sorgen seines Besitzers nicht verborgen. Gerade jetzt ist das Vertrauen, das Enzos Besitzerin den be handelnden Chirurgen und Anästhesisten entgegenbringt, der wichtigste Garant für ihre ehrliche positive Erwartungshaltung und entspannte Zuversicht. Und dies sind tatsächlich die wesentlichen Momente, die auch unserem Patienten morgen die notwendige Sicherheit und Ausgeglichenheit mit auf den Weg geben werden.

Am nächsten Morgen sollte der Wecker rechtzeitig klingeln, um jede unnötige Stresssituation zu vermeiden. Ein eventueller Stau auf dem Weg zur Klinik sollte in der Zeitplanung berücksichtigt werden, denn auch dort hat man sich optimal auf Ihren Patienten vorbereitet, und Ihre Pünktlichkeit trägt wesentlich zu einem routinierten und reibungslosen Ablauf bei. Bevor Sie Ihren vierbeinigen Freund in die Obhut der Klinik übergeben, sollten Sie noch einen kurzen Spaziergang unternehmen, damit er sich noch einmal entleeren kann.

Enzos Besitzerin ist nun bereit, ihren vierbeinigen Freund den Pflegern, die ihn bereits liebevoll erwarten, zu übergeben. Auch wenn es manchmal möglich ist, den Hund bis zur Einleitung der Narkose zu begleiten, sollten Sie es immer vertrauensvoll akzeptieren, wenn das behandelnde Ärzteteam der Klinik eine andere Vorgangsweise empfiehlt oder für notwendig erachtet. Dies ist keine Missachtung Ihrer Gefühle oder des Wohlbefindens des Patienten, sondern im Regelfall ein sicheres Anzeichen dafür, dass Ihr Hund unmittelbar nach der Übergabe von einem professionellen Team medizinisch optimal versorgt wird. Und genau das erwarten Sie sich jetzt für Ihren Liebling!

Geringes Narkoserisiko

Der vierbeinige Patient ist nun in besten Händen. Moderne Anästhesie- und Überwachungstechniken bieten heute auch in der Tiermedizin größtmögliche Sicherheit und können das Narkoserisiko entscheidend verringern. Eine optimale Vorbereitung des Hundes mit entsprechenden Voruntersuchungen und vor allem seine permanente Überwachung während der Narkose senken die Anzahl der Narkosezwischenfälle erheblich. Dazu gehören die permanente Herzfrequenzmessung mit Hilfe eines EKGs, eine Pulsoxymetrie, mit der die Sauerstoffsättigung des Blutes überprüft werden kann und die zudem Informationen über die Herzfrequenz bietet, Blutdruckmessungen und die Überwachung der Atemfrequenz. Eine beständige Infundierung des Patienten ist im Idealfall ebenso selbstverständlich wie die Intubation, die die Atemwege sichert und ein beständiges Sauerstoffangebot ermöglicht. Viele Tierärzte und Kliniken arbeiten heute bereits standardmäßig mit einer schonenden Inhalationsanästhesie. Dabei dient der Sauerstoff nicht nur als Trägersubstanz der Narkosemittel, sondern leistet gleichzeitig einen wesentlichen Beitrag zur Narkosesicherheit, denn Sauerstoff ist einer der wichtigsten Faktoren für den Organismus, um die Stoffwechsel- und Kreislauffunktionen aufrecht zu erhalten. All dies hat der verantwortliche Anästhesist Enzos Besitzerin im Vorfeld genauestens erklärt, und so kann sie nun in Ruhe einen Kaffee trinken gehen. Es wird einige Stunden dauern, bis der Anruf kommt, dass sie Enzo wieder abholen kann! Auch wenn der ungefähr vereinbarte Zeitpunkt der Telefonnachricht näher rückt: Ruhe bewahren! Ihr Handy ist nicht defekt, und auch das Mobilfunknetz ist nicht ausgefallen. Machen Sie sich bewusst, dass im Normalfall alles in bester Ordnung ist, solange Sie vor der zeitlich vereinbarten Telefonnachricht nichts hören!

Alles optimal überstanden

Der Anruf ist gekommen! Enzo hat die Operation bestens überstanden, alles ist plangemäß verlaufen. Noch aber beendet er sich in der Aufwachphase. Das bedeutet, dass Atmung, Puls, Herzfrequenz und Kreislauffunktion des Patienten noch unter tierärztlicher Kontrolle bleiben müssen! Die Aufwachphase sollte keinesfalls am Heimweg im Auto bzw. zuhause erfolgen, sondern nach einer Narkose sollte der Hund die Klinik vollkommen wach, geh- und stehfähig verlassen. Sie sollten Ihren Freund unbedingt solange in ärztlicher Betreuung lassen, bis dieser Zustand sicher erreicht ist.

Endlich ist es soweit: Enzos Besitzerin kann ihren Liebling abholen. Bemühen Sie sich, sich trotz der Wiedersehensfreude und Erleichterung auf das Gespräch mit dem Chirurgen zu konzentrieren, der Ihnen nicht nur den Verlauf der Operation kurz schildern wird, sondern Ihnen vor allem die notwendigen Anweisungen für die weitere häusliche Pflege und Medikamentengabe geben wird. Fragen Sie sich selbst kritisch, ob Ihnen alle notwendigen Schritte und Pflegemaßnahmen bis zum ersten Kontrolltermin vollends klar sind, um alle eventuell noch offenen Fragen jetzt zu klären! Halten Sie dennoch eine Telefonnummer, unter der Sie die Klinik auch später noch erreichen können, griff bereit, denn bei eventuell doch auftretenden Unsicherheiten – und fast immer ergibt sich im Nachhinein noch die ein oder andere Frage – sollten Sie unbedingt in der Klinik, der Sie Ihren Liebling anvertraut haben, nachfragen und sich keinesfalls auf die guten Ratschläge von „Professor Facebook“ verlassen, der allzu schnell präsent ist, wenn Sie später daheim ruhig neben Ihrem entspannt schlafenden Patienten sitzen.

Um die Medikamentengabe entsprechend den Anweisungen der Klinik sicherzustellen, macht es oft Sinn, eine eigene Liste dafür zu erstellen. Medikamente, die zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben werden sollten, dürfen keinesfalls vergessen werden! Die Weckfunktion Ihres Handys kann hier hervorragende Unterstützung bieten, wenn Sie die entsprechenden Zeiten programmieren.

Außerdem müssen Sie genauestens darauf achten, dass Ihr Hund die Wunde nicht beleckt. Das passiert schneller als man es für möglich hält, und der Halskragen, den Sie in der Klinik bekommen haben, oder auch ein OP-Anzug, den Sie im Rahmen Ihrer Vorbereitungen auf den Eingriff für Ihren Liebling besorgt haben, leistet nun wertvolle Dienste und sollte unbedingt eingesetzt werden! Lange Spaziergänge, Springen und Toben sind in den ersten Tagen nach der Operation nicht angebracht. Auch hier wird der Chirurg Ihnen genaue Anweisungen gegeben haben, welche Aktivitäten wie lange eingeschränkt bleiben sollten. Diese müssen kompromisslos befolgt werden, denn die optimale Nachsorge ist ein wesentlicher Aspekt für den Gesamterfolg einer Operation und der wichtigste Beitrag, den Sie dazu leisten können.

„Tender Loving Care“ unterstützt Heilung

Und jetzt ist endgültig Entspannung angesagt, und Sie dürfen Ihren vierbeinigen Freund nun tatsächlich grenzenlos verwöhnen, denn liebevolle Fürsorge unterstützt den Heilungsprozess. Die stressreduzierende Wirkung des „Kuschelhormons“ Oxytozin und die schmerzstillende Wirkung verschiedener Botenstoffe, der sogenannten Endorphine, sind auch bei Tieren, die sich nach einer Operation erholen, von wesentlicher Bedeutung. Auch wenn die Literatur das „Tender Loving Care“-Prinzip, einer von Zärtlichkeit geprägten liebevollen Fürsorge, bisher nahezu ausschließlich im humanen Bereich und da im Speziellen in der Betreuung von Schwangeren beschreibt, so bestätigen heute namhafte Chirurgen und Tiermediziner international immer wieder, dass ein derartiger Umgang mit dem Tier als Teil einer postoperativen Betreuung das Schmerzempfinden senkt und die Wundheilung verbessert.

Und nun wünschen wir Boxer Enzo eine baldige Genesung! Wenn er am Tag nach der Operation bereits wieder zufrieden neben seinem Frauchen liegt, freut sich sicher auch der betreuende Tierarzt über einen kurzen positiven Zwischenbericht!