Juckreiz zum aus der Haut fahren

Atopische Hautentzündung bei Hunden

Boxerrüde Timmy kann mit dem Kratzen nicht mehr aufhören, sein ganzer Körper juckt ihn offensichtlich höllisch. Durch das helle Fell leuchten blutig aufgekratzte, entzündete Hautstellen. Auch die Innenseiten der Ohrmuscheln sind hochrot, und wenn jemand beim Streicheln an seinen Ohren ankommt, weint Timmy schmerzlich auf. Mops Hugo kann kaum noch auftreten. Seine Pfoten sind im Zwischenzehen- und Ballenbereich chronisch entzündet. Bulldogge Jenny leidet an einer juckenden Hautentzündung rund um die Augen, in den Achselhöhlen und im Leistenbereich. Alle drei erwähnten Hunde leiden an Atopischer Hautentzündung – die lateinische Fachbezeichnung lautet Canine Atopische Dermatitis (CAD).

Genetische Prädisposition

Unter Atopie versteht man die bereits genetisch festgelegte Bereitschaft zu überschießenden Reaktionen des Immunsystems gegen Umweltstoffe, die eingeatmet oder über die Haut aufgenommen werden. Eine Schwächung der Hautbarriere durch Verhornungsstörungen trägt dazu bei, dass Allergene bei atopischen Hunden leichter als bei einem gesunden Tier über die Haut eindringen können. Die Hauptallergene für betroffene Hunde sind Pollen und Hausstaubmilben. Aber auch tierische oder menschliche Hautschuppen, Schimmelpilze und Putzmittel können Auslöser sein. Im Gegensatz zu Mensch und Katze reagieren atopische Hunde selbst auf Allergene, die eingeatmet werden, nicht mit dem Atmungstrakt in Form von Asthma oder Heuschnupfen, sondern mit heftig juckenden Hautentzündungen. Da am Entstehen der Krankheit genetische Faktoren beteiligt sind, kann Atopie vererbt werden. Betroffene Hunde sollten deswegen nicht zur Zucht verwendet werden.

Bevorzugte Körperstellen

Die Atopische Hautentzündung zeigt sich bevorzugt an Pfoten, Augen, Schnauze, in den Achselhöhlen, am Bauch, im Dammbereich und in der Leistengegend. Ebenso sind chronisch juckende Gehörgangs-Entzündungen mit hochgradig entzündeten Ohrmuscheln häufig auf Atopie zurückzuführen.

Hauptsymptom Juckreiz

Am auffallendsten ist der hochgradige Juckreiz, der sich als Kratzen, Lecken, Beißen, Reiben, vermehrte Reizbarkeit und gelegentlich auch in Verhaltensänderungen wie Appetitverlust und Aggressivität äußert. Der Juckreiz kann auf einzelne Stellen begrenzt sein oder am ganzen Körper auftreten. Durch das ständige Kratzen entzündet sich die Haut, die Haare fallen aus, und es kommt zu schmerzenden wunden Stellen.

Fehlsteuerung des Immunsystems als Ursache für Juckreiz

Hochgradig entzündete Ohrmuschel bei Atopischer Dermatitis
Hochgradig entzündete Ohrmuschel bei Atopischer Dermatitis

Bei der Atopischen Dermatitis leiten die – in den meisten Fällen über die Haut aufgenommenen – Allergene eine überschießende Reaktion des Immunsystems, nämlich eine spezifische allergische Reaktion vom Soforttyp ein. Daran sind verschiedene Zellen des Immunsystems beteiligt, die untereinander mittels sogenannter Zytokine – das sind Botenstoffe zwischen den Zellen – kommunizieren. Diese Botenstoffe docken an verschiedenen Zellrezeptoren an, welche daraufhin spezielle Enzyme, die sogenannten Januskinasen im Zellinneren aktivieren. Diese bewirken die Bildung von für die Immunreaktion wichtigen Eiweißkörpern und Botenstoffen. Januskinasen haben daher eine zentrale Rolle in der Funktion des Immunsystems, indem sie helfen, die Signale der verschiedenen Botenstoffe in bestimmte Aktionen umzusetzen.

Nicht nebenwirkungsfrei: Januskinase-Hemmer zur Juckreizbehandlung

Die Hemmung der Januskinasen hat eine Unterdrückung vieler Immunvorgänge zur Folge. So betrachtet, ist die Therapie der Caninen Atopischen Dermatitis mit unselektiven Januskinase-Hemmern nicht harmlos. Es können dadurch weit über 100 verschiedene Immunreaktionen ausgeschaltet und somit das Immunsystem des Hundes massiv unterdrückt werden. Eine solche Stilllegung des Immunsystems bringt jedoch für den vierbeinigen Patienten gravierende Nachteile (größere Anfälligkeit für Infektionen mit Bakterien, Viren und Pilzen sowie für Tumorentstehung) mit sich und ist daher für eine längere Anwendung nicht empfehlenswert.

Sanfte Langzeittherapie mit Interferon Omega

Interferone
Vereinfachte schematische Darstellung der Reaktionen von Zellen auf Interferone

Glücklicherweise ist die Juckreizstillung bei Atopischer Hautentzündung auch durch die gezielte Stimulation der Januskinase1 mittels Interferon Omega möglich. Durch die Wirkung auf nur eine einzige Januskinase werden offenbar ein Großteil der Juckreiz verursachenden Immunreaktionen unterdrückt. Interferon Omega ist ein Botenstoff des Immunsystems, wirkt immunmodulierend und steht als zugelassenes Tierarzneimittel zur Verfügung. Es ist daher hocherfreulich, dass Forschungen gezeigt haben, dass eine Langzeittherapie mit Interferon Omega

genauso gute Ergebnisse bei der Behandlung der Atopie bringt wie immunsuppressive Arzneimittel, jedoch ohne deren Nebenwirkungen. Durch die gezielte Immunmodulation mittels Interferon können die Nachteile immunsupprimierender Juckreiz-Therapien nicht nur vermieden werden, sondern es wird als willkommener Nebeneffekt das Immunsystem sogar stimuliert und die Infektanfälligkeit gesenkt. Interferon Omega wird vom Tierarzt unter die Haut gespritzt. Die Behandlung wird mit einer Reihe von sechs Injektionen an den Tagen 0, 3, 7, 14, 21 und 35 begonnen. Anschließend ist nur mehr eine Injektion pro Monat nötig. Da Interferon bei der Behandlung der Caninen Atopischen Dermatitis auch in sehr geringer Dosierung wirkt, halten sich die Kosten in Grenzen – die Therapie ist durchaus erschwinglich. Und noch ein Vorteil: keine tägliche Tabletten-Eingabe mehr!