Huhn ist Haustier des Jahres 2016

Neubegegnung mit einem alten BekanntenJeder glaubt, das Huhn zu kennen! Schon die Jüngsten unter uns erfahren in bunten Bilderbüchern, dass Hühner – im Idealfall – auf dem Bauerhof herumlaufen. Im Tiefkühlregal des Supermarkts finden wir kiloweise fein säuberlich zerlegt alle Körperteile von Hühnern, die zu den bevorzugten Lebensmitteln zählen. Eier essen, bemalen und verschenken wir, und nicht zuletzt wurde die Glucke mit ihren Küken zu einem sprachlichen Synonym der Sorge um schutzbedürftiges Leben. Seit einigen Jahren sind Hühner auch in der Begleitung von Demenz-Erkrankten aktiv, und immer mehr Menschen interessieren sich heute für eine private Hühnerhaltung hinterm eigenen Haus.

Hühner sind somit weit über traditionelle Hühnergerichte auf dem Esstisch Teil unserer Kultur – Grund genug, sich ein wenig genauer mit den individuellen Eigenschaften dieses Tieres zu beschäftigen, seine Bedürfnisse kennen und respektieren zu lernen und unsere Beziehung zu hinterfragen. Grund genug auch für die deutsche Stiftung „Bündnis Mensch & Tier“, das Huhn zum Haustier des Jahres 2016 zu wählen, mit vielfältigen Aktivitäten auf die Bedürfnisse des Huhns aufmerksam zu machen und zu zeigen, wie eine artgemäße Tierhaltung verwirklicht werden kann. Das Huhn und das Ei standen in den 1970er Jahren am Beginn der Diskussionen um artgemäße Tierhaltung. Heute haben wir beim täglichen Einkauf zwar die Möglichkeit, Eier aus Freiland- oder Bio-Haltung zu wählen, aber Hühner, deren Eier beispielsweise für die billige Produktion unterschiedlichster Fertigprodukte verwendet werden, leben teilweise noch immer in nicht artgemäßen Haltungssystemen.

Praktisch gelebter präventiver Tierschutz

Das Huhn als Haustier des Jahres 2016 ist eine Aktion, die darauf aufmerksam machen soll, welchen Wert das Tier „Huhn“ über alle nationalen und kulturellen Grenzen hinweg für den Menschen besitzt. Veranstaltungen und unterschiedlichste Informationsmöglichkeiten bieten zahlreiche Impulse, der Tierart und dem Individuum Huhn ganz neu zu begegnen. „Was wissen wir wirklich über unsere heimischen Haustiere? Wie begegnen wir ihnen heute? Mit unserer Kampagne Haustier des Jahres möchten wir jedes Jahr einer ausgewählten heimischen Heim- bzw. Nutztierart besondere Aufmerksamkeit schenken, ihre Bedürfnisse, ihre sozialen Kompetenzen und ihren Wert für uns Menschen kommunizieren“, erläutert Dr. Carola Otterstedt, Vorstandsmitglied der „Stiftung Bündnis Mensch & Tier“. „2016 laden wir zu zahlreichen Veranstaltungen ein, in denen das Huhn einmal anders erlebt werden kann und nicht nur als Teil unserer Nahrungskette definiert ist: das Huhn an sich wahrnehmen, ihm begegnen und mit ihm in Beziehung treten, es nicht vermenschlichen, vielmehr ihm seine Würde und einen artgemäßen Lebensraum zubilligen. Die Kampagne Haustier des Jahres ist für uns praktisch gelebter präventiver Tierschutz, der den Dialog von Mensch und Tier und den Schutz unseres gemeinsamen Lebensraums, der Natur, mit einschließt.“

Hühner können mehr als Eier legen

Auch die Hühner, die heute zum Großteil leistungsorientierten Nutztierzüchtungen entstammen, zeigen noch das natürliche Verhalten ihrer wilden Vorfahren, der in Südostasien beheimateten Dschungel- oder Bankivahühner, – vorausgesetzt, die Umgebung bietet ihnen einen entsprechenden Lebensraum dazu. „Wildhühner leben in kleinen Gruppen, quasi in einem Harem“, bestehend aus einem Hahn, mehreren Hennen und Jungtieren. Sie halten sich auf einem relativ kleinen Territorium von etwa 70 bis 80 Meter Durchmesser rund um den Schlafbaum auf. Die Aufgabe des Hahns besteht nicht nur darin, seine Hennen zu begatten, sondern die Hühnerschar zu führen und zu schützen“, informiert die Stiftung im Zuge ihrer Aktion. Hühner können tatsächlich viel mehr als Eierlegen: Sie können fliegen, scharren, nehmen Sonnen- und Staubbäder, suchen Deckung vor Greifvögeln und legen ihre Eier an einem ausgewählten geschützten Ort abseits der Gruppe ab, den die Henne mit Gras und Laub zu einem weichen Nest auspolstert. Während der 21 Tage dauernden Brutzeit verlässt die Henne das Nest täglich nur kurz zum Fressen, Trinken und Staubbaden. Sie wendet die Eier in regelmäßigen Abständen, und wenn die Küken geschlüpft sind, sorgt die Mutter für sie und nimmt sie unter ihre Fittiche. „Was brauchen Hühner, um glücklich zu sein?“ – Diese Frage beantwortet die Biologin Cornelia Drees: „Wenn wir wissen wollen, was ein Huhn zu seinem Glück braucht, schauen wir am besten wie eine Hühnerfamilie früher ganz ohne unsere Hilfe oder Bevormundung gelebt hat. Ein Huhn braucht seinen Sozialverband von ca. 5 bis 30 Individuen, es braucht Bewegung. Hat es Freilauf, ist es eigentlich ein Selbstversorger. Ein Huhn braucht ein schönes Sandbad alle Tage, es braucht gemütliche erhöhte Ruheplätze, es braucht Büsche und Bäume in erreichbarer Nähe zu seiner gefühlten Sicherheit, es braucht verschiedene und manchmal wechselnde Eiablagemöglichkeiten, es braucht einen erhöhten Schlafplatz. Geben wir unseren Hühnern ein wenig mehr Freiheit, dann werden sie uns zeigen, wie man sich einen schönen Tag macht, denn darin sind sie Meister.“

Private Hühnerhaltung immer beliebter

Ein paar Hühner sein eigen nennen und das frische Frühstücksei von bester Bioqualität ganz frisch aus dem eigenen Garten holen? Diese Vorstellung wird in einer Zeit der beginnenden Rückbesinnung auf den eigenen individuellen Lebens-Wert sowie den der uns anvertrauten Umwelt für den ein oder anderen immer erstrebenswerter. Ob allerdings die eigenen Ansprüche an den Garten mit einer Hühnerhaltung vereinbar sind, ist nur eine der grundlegenden Fragen, die zuvor beantwortet werden müssen. „Ob Hühner im Garten gehalten werden können, hängt vom Garten und von den Ansprüchen des Besitzers ab“, erläutert Cornelia Drees.private_huenerhaltung_immer_beliebter „Während man in einem Staudengarten wenig Kratzschäden und im Sommer dann auch weniger Blattläuse und sogar ein paar Schnecken weniger hat, ist es für einen mehr künstlichen Garten mit solitär stehenden Pflanzen oft verheerend, wenn im Beet mal eine ordentliche Kratzung veranstaltet wird. Der Hühnerkot ist für Gras und Beete ein wunderbarer Dünger, auf der Terrasse sicher auch oft lästig. Es kommt also auf die Freude an den Hühnern an, denn hat man die, nimmt man ein paar Änderungen in der Gartengestaltung gerne in Kauf.“

Wie bei jeder Haustierhaltung sollte man sich auch bei einer potentiell geplanten Hühnerhaltung zuvor mit den praktischen Fragen der Kosten, des Platzbedarfs und des zeitlichen Aufwands auseinandersetzen. Die Stiftung „Bündnis Mensch & Tier“ beziffert die jährlichen Gesamtkosten pro Huhn und Jahr mit ca. 290 Euro. Darin enthalten sind Stroh bzw. Einstreu und Futtermittel inkl. Grünfutter, Tierarztkosten und Ausrüstung wie beispielsweise eine Transportbox, Rücklagen für Krankheitsfälle, die eine tierärztliche Intervention notwendig machen, oder für notwendige Renovierungen im Stall sowie Ausgaben für die Weiterbildung des Hühnerhalters mit Buchern, Seminaren oder Workshops zur Tierhaltung und Verhaltensfragen.

Die notwendige Fläche fur ein Huhn beträgt ca. 25m2 Ausengelände zum Laufen und Scharren, eine sonnige und ca. 25 cm tiefe Sandbadfläche von etwa 1m2, einen überdachten trockenen Ausenbereich (ca. 2m2), einen Innenstall, der für vier Tiere geeignet mindestens 3m2 umfassen sollte, und nicht zu vergessen einen trockenen Lagerraum für Heu, Stroh, Futtermittel und ähnliches, der etwa 4m2 in Anspruch nimmt.

Wie man Huhner glücklich macht

Genauso wie bei jedem anderen Haustier ist auch der zeitliche Aufwand nicht zu unterschätzen, und die diesbezügliche Planung sollte den Vorlieben der Tiere fur einen gleichmäsigen standardisierten Tagesablauf mit zeitlich ritualisierten Handlungen und Aktivitäten entsprechen. Zu den wichtigsten Tätigkeiten zählt „Bündnis Mensch & Tier“ dabei folgende Aufgaben:

  • früh morgens: im Stall alle Hühner anschauen (Gesundheit kontrollieren), Futtern, Wasser nachfüllen, Eier einsammeln, die Huhner ins Freie entlassen, Stall säubern 
  • jeden 2. Tag: Futter- und Wassertrog sowie das Kotbrett reinigen
  • während des Tages: beim Sandbaden beobachten, Kontaktpflege mit den Hühnern, Kot auf dem Gelände entfernen
  • vor der Abenddämmerung: Hühner im Stall sichern, durchzahlen: Sind alle da?, frisches Wasser nachfüllen. Der tägliche Zeitaufwand fur die Versorgung beträgt damit mindestens 30 Minuten. plus gemeinsam verbrachter Zeit für die Beziehungspflege!