Hilfe, was ist mit Bello los?

Zwangsstörungen beim HundWohl jeder Hundehalter hat manchmal das Gefühl, die gedanklichen Vorgänge in seinem Hund nicht nachvollziehen zu können: Warum steht er jetzt auf, warum folgt er gerade jetzt nicht, was ist ihr/ihm denn da wieder eingefallen – all das sind Gedanken, die viele Hundebesitzer kennen. Inwieweit aber ist dieses manchmal rätselhafte Hundeverhalten eigentlich noch normal? Ab wann spricht man von Verhaltensstörung und wann ist ein Verhalten krankhaft! Grundsätzlich sollen sich Hunde wie Hunde verhalten und agieren, aber durch tausende Jahre intensiver Selektion haben wir bei unseren Hunden ein bestimmtes und erwünschtes Verhalten positiv selektiert; so wurde zum Beispiel das Hüten, das Bewachen, das Apportieren bei bestimmten Rassen angezüchtet. Viele andere natürliche Verhaltensweisen wie z.B. Aggressionsverhalten, Jagdverhalten oder Territorialverhalten, wurden dafür durch die Zucht bei einigen Rassen mehr oder weniger reduziert. Diese sind aber nie ganz verschwunden, weswegen immer wieder Situationen auftreten, in denen unser Hund nicht so reagiert wie wir es von ihm „wünschen“, obwohl er eigentlich für einen Hund relativ normal reagiert: Das ist dann das weit verbreitete unerwünschte Verhalten. Hier ist die Verantwortung in der Regel beim Hundeführer oder der entsprechenden Bezugsperson zu suchen.

Noch der Norm entsprechende Verhaltensänderungen

Verhaltensänderungen, die ihre Ursache im Tier haben, aber immer noch als Normalverhalten bezeichnet werden, können in verschiedenen Situationen beobachtet werden. Wenn im höheren Alter die Sinne schon etwas nachlassen, reagieren die Tiere mitunter verzögert oder gar nicht mehr, bzw. nicht mehr dem Reiz entsprechend. Auch Schmerzen können eine Ursache für unerwartetes Verhalten sein. Für uns manchmal schwer nachvollziehbar, ist dieses veränderte Verhalten aber eigentlich normal, und unsere Überraschung und das Unverständnis beruhen eher auf mangelnder Beobachtungsgabe von uns Menschen.

Zwangsstörungen: Verhaltensauffälligkeit außerhalb der Norm

Zwangsstörungen-1Dem der Norm entsprechenden Verhaltensänderungen stehen Verhaltensauffälligkeiten gegenüber, die keinem Normalverhalten des Tieres entsprechen und ebenso unerwünscht sind. In der Regel viele Probleme im Gehirn ihren Ausgangspunkt nehmen, aber auch Stoffwechselprobleme können hier Einfluss auf die Verhaltensentstehung im Gehirn nehmen. Eine Sonderform nehmen die Zwangsstörungen ein. Dabei kann ein grundsätzlich normal wirkender Bewegungsablauf durch häufige Wiederholungen – ohne erkennbaren äußeren Reiz als Auslöser – beobachtet werden. Typische Ausprägungen sind das Mäusesuchen und danach Graben wo definitiv keine Mäuse sind, Fliegen schnappen ohne Fliegen und Vögel am Himmel suchen, obwohl weit und breit kein Vogel zu sehen ist. Dem Schwanz hinterher jagen und wilde Kreisbewegungen mit Herumwerfen auf den Hinterläufen sind ebenfalls häufige Zwangsstörungen. Diese Verhaltensweisen erscheinen häufig ritualisiert und die einzelnen Handlungen und Bewegungen werden unzählige Male wiederholt. Zu Beginn der Erkrankung kann durch andere äußere starke Reize, wie zum Beispiel durch Futtergabe oder durch einen Befehl, das Tier aus seinem Zwangsverhalten herausgeholt werden. Im späteren Verlauf steigern sich die Tiere immer weiter hinein und nehmen die reale Umgebung dann kaum noch wahr. Im Extremfall geht das Zwangsverhalten auf Kosten aller anderen natürlichen Verhaltensweisen und die Hunde fressen, trinken und schlafen kaum noch. Der eigentliche Grund dieser Zwangsstörungen liegt im Gehirn. Es wird vermutet, dass ein jeweils individuell unterschiedliches Zusammenwirken aus genetischer Veranlagung, Zwangsstörungen-2Gehirnstoffwechselstörung und psychischen Ursachen (z. B. Stressfaktoren wie Isolation, Angst, fehlende Ruhepausen) der Grund für die Entwicklung einer Zwangsstörung ist. Organisch wird ein Mangel an bestimmten Botenstoffen (Serotonin und Dopamin) im Gehirn vermutet und die Neigung zu Zwangsstörungen kann auch mit Fehlfunktionen einiger grundsätzlicher Steuerungsbereiche im Gehirn (den Basalganglien) zusammenhängen. Die Theorie der genetischen Ursache wird beim Hund durch das häufigere Auftreten von Zwangsstörungen bei einigen Rassen untermauert: Neben dem Dobermann sind vor allem Rassen betroffen, die besonders viel Zuwendung und Beschäftigung brauchen (Bullterrier, Schäferhunde u.a.). Wenn diese vom Besitzer nicht aufgebracht werden, kann sich eine Zwangsstörung entwickeln; allerdings kommt es vor allem bei diesen Rassen mitunter auch ohne die erwähnten Auslöser zur Entwicklung von Zwangsstörungen. Zumeist beginnen die Symptome sobald das Tier ausgewachsen ist, und männliche Hunde sind doppelt so oft betroffen als weibliche Tiere.

Wenn die Handlung selbst zum Ziel wird

Oftmals ist der Beginn dieser Verhaltensstörung bei Hunden durch Unterbeschäftigung oder fehlende äußere Reize gekennzeichnet. Manchen Hunden ist scheinbar einfach langweilig, einige haben Stress oder Angst ohne dieselbe abbauen zu können, andere wollen unbedingt die Aufmerksamkeit der Besitzer erwecken. Zu diesem Zeitpunkt wird zwanghaftes Verhalten oftmals noch allein durch unsere Aufmerksamkeit beendet – eigentlich genau das, was der Hund gerade bewirken wollte. Später aber wird das Verhalten zum Zwangsverhalten und benötigt gar nicht mehr die „falsche“ Belohnung durch uns Menschen. Die Handlung selbst wird im Laufe der Zeit zum Ziel und damit entrückt das Tier immer mehr der Realität. Besonders problematisch sind diese Verhaltensweisen bei Hunden in Tierheimen oder in Zwingerhaltung. Nur intensives und individuelles Training unter Anleitung von Spezialisten kann hier noch helfen. Bei massivster Ausprägung können nur mehr Medikamente helfen, wobei hier unbedingt zu erwähnen ist, dass ohne entsprechendes Intensivtraining auch die besten Medikamente den Hund nicht aus seinem Zwangsverhalten herauslösen können. Grundsätzlich benötigen Hunde mit Zwangsstörungen und deren Besitzer immer den Rat und die Hilfe von Spezialisten. Zuerst einmal muss die Diagnose Zwangsstörung gestellt werden und von anderen organischen Ursachen unterschieden werden. Hierzu ist ein Besuch bei einer spezialisierten Tierärztin/Tierarzt notwendig um das Tier neurologisch zu untersuchen. Es muss unbedingt eine organische Gehirnerkrankung wie eine Gehirnhautentzündung oder ein Tumor ausgeschlossen werden, bevor weitere helfende und heilende Schritte unternommen werden können. Eine Blutabnahme kann die Stoffwechselfunktion überprüfen, und die genaue Befragung der Besitzer über die Vorgeschichte des Patienten ergibt oftmals schon einen Verdacht auf eine Zwangsstörung.

Therapie muss individuell festgelegt werden

Je nach dem Schweregrad der Erkrankung und nach den Möglichkeiten des Besitzers, sich mit dem Tier und dessen Krankheit auseinander zu setzen, werden dann die Therapieoptionen festgelegt. Sehr leichte Fälle können von geschickten Besitzern mit etwas Anleitung alleine gelöst werden, schwierigere Fälle benötigen zumeist ein professionell geplantes Verhaltenstraining unter Anleitung einer Trainerin/Trainers. Die schwersten Fälle werden zusätzlich auf Psychopharmaka gesetzt, Medikamente, die das Zurückfinden des Patienten in die reale Welt erleichtern sollen. Psychopharmaka wirken direkt im Gehirn und sollen den inneren Zwang, eine Handlung immer wieder durchzuführen, reduzieren. Hierbei ist bei der Auswahl der Medikamente auf die Art der Zwangsstörung, den grundsätzlichen Charakter des Hundes und die Lebensumstände der Besitzer Rücksicht zu nehmen. Eine deutliche Verbesserung des Zustandes ist fast immer möglich, aber der Aufwand für die Besitzer sollte nicht unterschätzt werden. Die ersten Lichtblicke am Horizont sind manchmal erst nach 2-3 Wochen zu erkennen und ein zu frühes Beenden der Therapie hat zumeist einen kompletten Rückfall zur Folge. Hat man die schlimmste Phase erst einmal überstanden, hat sich sehr häufig auch das Verständnis der Besitzer für ihren Hund und dessen Erkrankung grundsätzlich geändert – die Mensch-Tier-Beziehung ist viel besser, enger und intensiver geworden.

von Privatdozent
Dr. Michael Leschnik
Klinik für Kleintiere, Abteilung für
Interne Medizin, Department für Kleintiere und Pferde,
Veterinärmedizinische Universität Wien