Doktorspiele statt Zitterpartie

Die einen stürmen schweifwedelnd vom Wartezimmer in die Ordination und nehmen dort freudig ihr Begrüßungslecker- li entgegen. Andere wiederum muss man beinahe geknebelt und gefesselt hineinzerren, damit sie nicht Reißaus nehmen oder wie wild um sich beißen und kratzen. Und wieder andere erstarren zitternd in Bewegungslosigkeit.

Die Beziehung unserer Vierbeiner zum Tierarzt kann die unterschiedlichsten Ausprägungen annehmen. Wenn jedoch Angst im Spiel ist, dann wird das nicht nur für den Besitzer zum mühsamen Spießrutenlauf, sondern stellt auch eine Herausforderung für den Tierarzt dar. Vor allem aber bedeutet es für Ihren Liebling großes Leid!

 

90% der Hundebesitzer beugen bereits vor

„Haben Ihre Patienten Angst vor Ihnen?“, fragte „mein HAUS- TIER“ zwei Tierärztinnen, die auch als Verhaltenstherapeutinnen tätig sind.

„Immer seltener“, lautet die Antwort von Dr. Nora Marx-Dawid aus Wien. „90 Prozent der Hundebesitzer wissen heute bereits, dass es sich auszahlt, in Vorbeugung zu investieren: harmlose erste Freundschaftsbesuche beim Tierarzt mit Leckerlis, Abwiegen, Spielen, alles ohne Spritzen oder schmerzhafte Behandlungen. So verknüpfen die Tiere die Ordination schon einmal positiv, und es ist ein wichtiger Grundstein für eine vertrauensvolle Beziehung zum Tierarzt gelegt. Damit hat man auch für zukünftige unter Umständen unangenehme Behandlungen ein gewisses Guthaben.“

Auch Dipl.-Tierärztin Sabine Schroll aus Krems weiß von vielen Patienten zu berichten, die gerne in ihre Ordination kommen. „Meine frühere Praxis lag an einer Hunde-Spazierstrecke. Da liefen immer wieder Hunde einfach ins Wartezimmer, wenn die Tür o en war. Und auch in meiner derzeitigen reinen Katzenpraxis  finden viele Katzen ihren Besuch bei mir eher spannend als ängstigend.“

Zu Gast beim Tierarzt? Nein danke!

Das ist grundsätzlich natürlich sehr erfreulich. Was aber, wenn der eigene Hund, die eigene Katze nicht zu solchen Spontanbesuchen neigen, sondern im Gegenteil die tierärztliche Gastfreundschaft gar nicht zu schätzen wissen? Woran kann es liegen, wenn Bello und Minka jedes Mal schnurstracks die Flucht vor dem weißen Mantel antreten oder ihrem Stress gar in Angstaggression gegenüber den Anwesenden Ausdruck verleihen?

„Es gibt zahllose Ursachen dafür“, betont Diplom-Tierärztin Sabine Schroll. „Ganz oben steht die fehlende Erfahrung in der Sozialisationsphase. Die Tiere wurden einfach nicht an den Tierarztbesuch gewöhnt. Daneben gibt es aber natürlich eine große Anzahl von Tieren, die tatsächlich aufgrund unangenehmer und schmerzhafter Erlebnisse Angst haben.“

„Außerdem sind manche Hunderassen schmerzempfindlicher als andere“, weiß Dr. Marx-Dawid.

Schließlich tragen auch die durch Stress und Angst von Mensch und Tier verursachten Gerüche im Wartezimmer zum Angstverhalten der Vierbeiner bei.

Trösten und Schimpfen kontraproduktiv

Beide Tierärztinnen wünschen sich, dass Besitzer in so einer Situation normal, ruhig und gelassen bleiben, dem Tier Sicherheit vermitteln, es aber nicht trösten und auch nicht schimpfen. Trotzdem sollten diese Ängste immer ernst genommen werden. Sabine Schroll: „Der wichtigste erste Schritt ist, die Angst nicht einfach als normal, unabänderlich oder gar als lächerlich abzutun. Denn für die Tiere ist die Angst real und bedeutet einen massiven Leidensdruck!“

Auf lange Sicht gilt es daher, Maßnahmen zu setzen, die dem Tier die Ängste nehmen.

Untersuchungen zuhause üben

Im Idealfall beginnt man mit dem Training bereits beim Welpen, bei der kleinen Katze. Einerseits sind das Freundschaftsbesuche beim Tierarzt wie eingangs beschrieben, andererseits „Doktorspie- le“ zuhause, also die spielerische Gewöhnung an bestimmte Pflege- und Untersuchungsmaßnahmen wie Hochheben auf einen Tisch, öffnen des Fangs, Berührungen und Kontrolle am gesamten Körper.

Lässt sich das Tier eine Berührung, eine Untersuchung gefallen und hält still, wird es belohnt.

Dr. Marx-Dawid gibt Beispiele, wie man üben sollte:

  • Pfote angreifen – Leckerli geben; Hand von Pfote weg – Leckerli weg.
  • Ins Ohr schauen – Leckerli, Hand von Ohr weg – Leckerli weg.
  • Bürste kommt – Leckerli kommt, Bürste geht – Leckerli geht, usw.

Das alles muss viele Male wiederholt werden. Erst wenn das Tier bei diesen Pflegemaßnahmen völlig entspannt ist, kann man beginnen, mit einer Salbentube oder einer Spritze (ohne Nadel) zu üben. Solche Maßnahmen werden auch in Welpenkursen geübt. In manchen dieser Kurse gehört sogar eine Schnupperstunde in Ordinationsräumlichkeiten zum Programm.

Katzenbesitzern rät Sabine Schroll ähnliches Vorgehen. Vor allem müssen Katzen schrittweise an die Transportbox gewöhnt werden. „In meinem Katzenkindergarten lernen Kitten, in die Transport- box einzusteigen, sich untersuchen zu lassen und Tabletten einzunehmen.“

Werden alle diese normalen Tätigkeiten in die alltägliche Erfahrungswelt von Tieren integriert, so lösen sie keine Angst mehr aus.

So trainieren Sie die Angst weg

Was aber, wenn es für diese Vorbereitungen schon zu spät ist oder eine böse Erfahrung dem bisherigen Wohlverhalten ein Ende gesetzt hat? Wie bei Lilly, für die Tierarztbesuche immer ein Spaß waren: andere Hunde zum Spielen, Leckerlis und Streicheleinheiten von der Tierärztin – da konnte man bei Impfungen leicht cool bleiben. Bis zu einer einzigen schmerzhaften Behandlung. Seither wehrt sie sich mit all ihren 12 Kilo gegen den Tierarztbesuch, lässt sich nicht einmal anfassen, sondern schreit schon prophylaktisch. „Das kann man wegtrainieren“, rät Dr. Marx-Dawid. „Allerdings braucht man dafür Geduld. Oft ist der Erfolg erst nach einem Jahr sichtbar.“

Dieses Training basiert auf zwei Säulen.

  1. Üben von Pflege- und Untersuchungsmaßnahmen zuhause – wie für Jungtiere oben beschrieben
  2. Schrittweise neuerliche Annäherung an den Tierarzt mit positiven Erfahrungen durch Desensibilisierung und Gegenkonditionierung:
  • Besorgen Sie sich vom Tierarzt ein Fläschchen Desinfektionsspray. Davon sprühen Sie ganz wenig auf ein Tuch und platzieren dieses zuhause, wo Ihr Hund sich wohl fühlt. Erneuern Sie diese Geruchsquelle immer wieder, sodass sich der Vierbeiner langsam daran gewöhnt und den Geruch schließlich als neutral empfindet.
  • Gehen Sie mit Ihrem Hund und einem seiner vierbeinigen Freunde in der Umgebung der Tierarztordination spazieren und lassen Sie die beiden dort ein wenig spielen. Nähern Sie sich dem Haus langsam. Sobald Ihr Liebling Stress zeigt, umkehren. Je Öfter Sie das wiederholen, umso näher kommen Sie beide entspannt zum Haus.
  • Als nächstes betreten Sie das Haus, belohnen den Hund mit Lob und Leckerli und gehen gleich wieder hinaus. Mit der Zeit bleiben Sie immer länger. Anschließend verfahren Sie ebenso mit dem Aufenthalt im Wartezimmer.
  • Wenn Sie auf diese Weise schließlich im Ordinations- raum gelandet sind, bekommt das Tier ein Leckerli und darf wieder gehen. Später wird es gewogen, bekommt ein Leckerli usw.

Haltet mich nicht fest! Ich will frei sein!

Für viele Hunde ist das Festgehaltenwerden der schwierigste Teil der Untersuchung. Auch das kann man zuhause üben. Wie das geht, erklärt Nicole Wilde in ihrem Buch „Der ängstliche Hund“ (Kynos Verlag):

  • Stellen Sie den Hund für eine Sekunde auf einen Tisch und heben ihn dann wieder herunter. Loben, Streicheln, Leckerli.
  • Schrittweise wird die Zeit auf dem Tisch um ein paar Sekunden verlängert.
  • Wenn er sich eine Minute lang auf dem Tisch wohl fühlt, legen Sie einen Arm um den Rücken des Hundes, den anderen unter seinen Hals und drücken Sie ihn eine Sekunde lang sanft, aber fest an sich. Dann loslassen und mit Leckerli belohnen.
  • Steigern Sie jeweils nach fünf Wiederholungen die Festhaltezeit um eine Sekunde. Letztlich sollten Sie in der Lage sein, den Hund zehn Sekunden lang zu halten.

Wie sinnvoll ist der Einsatz beruhigender Medikamente?

Hier gehen die Meinungen der beiden Tierärztinnen auseinander. Während Sabine Schroll für eine Prä-Medikation zuhause als Ergänzung des Trainings plädiert, meint Dr. Marx-Dawid, dass in den allermeisten Fällen konsequentes Training ausreichend ist. „Bachblüten oder Notfalltropfen schaden natürlich nicht. Die kann man geben. Aber schon bei pflanzlichen Beruhigungsmitteln wie Baldrian muss man vorsichtig sein, weil sie auch die gegenteilige Reaktion hervorrufen können und das Tier womöglich hyperaktiv wird.“ Auf jeden Fall sollten beruhigende Mittel – ob homöopathisch, pflanzlich oder synthetisch – nur in Absprache mit dem Tierarzt verabreicht werden.