Der Weg zum idealen Familienmitglied

Entwicklungsphasen des Welpen und praktische TippsDie Entscheidung ist gefallen: Künftig soll ein Hund zur Familie gehören, und gemeinsam sollen Zwei- und Vierbeiner ein ebenso aktives wie entspanntes Leben miteinander teilen. Damit diese Idealvorstellung Wirklichkeit wird, ist bei der Suche nach dem neuen Familienmitglied einiges zu beachten. Außer über verschiedene Tierschutzorganisationen, die unzählige durchaus familientaugliche Vierbeiner betreuen und in ein liebevolles Zuhause vermitteln, führt der einzig verantwortungsvolle Weg zu einem Welpen über einen engagierten und fachkundigen Züchter, der den Nachkommen seiner Zucht einen optimalen Start ins Leben ermöglicht. Da Championtitel der Elterntiere niemals eine Garantie für einen gesunden und wesensfesten Welpen sind, sollte das Hauptaugenmerk bei der Auswahl des Züchters weniger auf der Anzahl der Pokale im Wurfzimmer als vielmehr auf gesundheitlichen Aspekten der Elterntiere und den Aufzuchtbedingungen des Wurfes in einer von vielfältigen Umweltreizen erfüllten Umgebung liegen. In einem bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal zeichnete der Schweizer Tierarzt und Verhaltensforscher Prof. Urs A. Lüscher in einem Vortrag an der Veterinärmedizinischen Universität Wien die wichtigsten Stationen der Welpenentwicklung vom Wurfgeschwister zum Familienmitglied auf und zeigte, dass die Sozialisierungsarbeit des Züchters auch nach der Übernahme des Welpen in die neue Familie ungebrochen fortgesetzt werden muss.

Entwicklung ist Umweltabhängig

Die Entwicklung eines Lebewesens ist nichts anderes als die Antwort des Organismus und seiner genetischen Dispositionen auf die unmittelbare Umwelt. So kommt der Umgebung eine fundamentale Bedeutung zu, damit aus dem neugeborenen Welpen ein ausgeglichener, physisch und psychisch gesunder Familienbegleiter wird. Lüscher erkennt darin nicht nur die Begründung einer unverzichtbaren optimalen Umgebung, sondern auch das entscheidende Argument gegen das „Klonen“. Selbst zwei genetisch identische Lebewesen werden sch unter verschiedenen Umweltbedingungen unterschiedlich entwickeln und niemals zu vergleichbaren Individuen heranwachsen.

Die Entwicklungsphasen des Welpen nach Urs A. Lüscher

Phase Alter
Neugeborenenphase 0 bis 10 Tage
Übergangsperiode 11 bis 21 Tage
Sozialisation 3 bis 12 (oder 14) Wochen
Angstphase ca. 8 bis 12 Wochen
Jugendentwicklung 3 Monate bis zur Pubertät
Evtl. weitere Angstphase(n) Zwischen 4 und 10 Monaten, Dauer ca. 3 Wochen
Adoleszenz Pubertät bis zur sozialen Reife

Die ersten Wochen beim Züchter

Eine reizarme Umgebung während seiner frühen Entwicklungsphasen kann beim heranwachsenden Welpen zu einer abnormalen Sensorik führen, seine emotionalen Reaktionen aus dem Gleichgewicht bringen und eine beschränkte Lernfähigkeit im weiteren Leben nach sich ziehen. Bereits unmittelbar nach der Geburt und in den ersten Lebenstagen können MILDE akute Stresssituationen – darunter kann man sich beispielsweise das Aufnehmen des Welpen vorstellen, frühe Streicheleinheiten oder die kurzzeitige Konfrontation mit einer kühleren Temperatur – die Entwicklung des Welpen positiv beeinflussen und seine physiologischen Reaktionen auf akuten oder chronischen Stress im späteren Leben spürbar optimieren.

Primäre Sozialisierung im Umfeld von Mutter und Geschwistern
Primäre Sozialisierung im Umfeld von Mutter und Geschwistern

Die Entwicklung des Nervensystems, die beim neugeborenen Welpen einige Wochen in Anspruch nimmt, hängt auch in den weiteren Entwicklungsphasen insbesondere von der Vielfalt der Umwelt sowie von den Möglichkeiten, sich an unterschiedliche Gegebenheiten zu gewöhnen, ab. Die wichtige und unwiederbringliche Phase der Sozialisierung reicht von der dritten Lebenswoche bis zum Ende des dritten Monats und wird von Lüscher nochmals in eine Phase der primären und eine der sekundären Sozialisierung geteilt. Die primäre Sozialisierung zu anderen Hunden benötigt etwa drei bis fünf Wochen: Im Spiel mit den Wurfgeschwistern und Eltern entwickelt der Welpe hier nicht nur eine Beiß- und Aggressionshemmung, sondern lernt auch, die Körpersprache seiner Artgenossen zu lesen und zu deuten. Die Ausbildung einer Rangordnung während dieser Phase wird in der Wissenschaft noch kontrovers diskutiert und ist wahrscheinlich rasseabhängig. Allein diese Lernprozesse begründen das zudem gesetzlich verankerte Verbot, einen Welpen bereits im Alter von sechs Wochen von Mutter und Geschwistern zu trennen.

Der optimale Zeitpunkt der Übergabe

Lüscher beurteilt selbst den üblichen Zeitpunkt der Übergabe an den neuen Besitzer mit acht Wochen noch als äußerst früh. Zieht der Welpe erst mit ca. zehn Wochen in seine neue Familie ein, habe dies nachweisbare Vorteile für die Gesundheit und die emotionale Stabilität des Welpen, zumal gerade in dieser Phase das Lernen von der Mutter durch bloßes Beobachten äußerst intensiv ist – ein Vorgang, der allerdings nur mit der Mutter funktioniert und nicht durch andere eventuell im neuen Haushalt lebende erwachsene Hunde ersetzt werden kann! Gleichzeitig findet im Alter von sechs bis zwölf Wochen die sekundäre Sozialisierung statt, die insbesondere das spätere Verhalten des Welpen Menschen, anderen Haustieren und Kindern gegenüber prägt. In dieser Phase muss der Welpe eigene soziale Erfahrungen sammeln können und benötigt dafür durchaus ein gewisses Maß an Freiheit. Um den Welpen während dieser Zeit mit Objekten, Situationen und vor allem Geräuschen aller Art vertraut zu machen, können die in vielen Wurfzimmern immer wieder eingesetzten Tonaufnahmen unterschiedlicher Umweltgeräusche (Verkehrslärm, Bahnhof etc.) reale Situationen nicht ersetzen. Nur die Verbindung der Geräusche mit den dazugehörigen Objekten garantiert hier ein wirklich effizientes Lernen. Die Sozialisierungsphase endet unwiderruflich mit 14 Wochen, aber dennoch muss die beim Züchter begonnene Arbeit durch den neuen Besitzer auch während der Jugendphase fortgesetzt werden, denn auch zunächst gut sozialisierte Hunde können mangels weiterer Erfahrungen in bestimmten Situationen scheu werden. Allerdings sind derartige spätere Entwicklungen zumeist reversibel.

Angstphase als sensible Lebensperiode

Mit der achten Lebenswoche beginnt mit der sogenannten Angstphase eine der sensibelsten Perioden im Laufe eines Hundelebens, Wochen, die zudem zumeist den Übergang in die neuen Familien beinhalten. Zahlreiche Experimente konnten belegen, dass traumatische Erfahrungen während dieser Zeit irreversibel sind, und der Welpe sich auch später in entsprechenden vergleichbaren Situationen fürchten wird. So sollte insbesondere während dieser sensiblen Phase auch keinerlei Bestrafung erfolgen! Dennoch muss der Welpe auch jetzt in sicherer Umwelt seine eigenen Erfahrungen sammeln können – stets gut kontrolliert, um eventuelle negative Ereignisse sofort mit etwas Angenehmem, beispielsweise mit Futter, zu verbinden.

Futter kann Angst nicht verstärken!

Weitere Angstperioden in der nachfolgenden Entwicklung werden immer wieder beschrieben: „In der Jugendzeit können Hunde durch zusätzliche Angstphasen gehen, die jeweils etwa drei Wochen dauern können, während derer ein Hund leicht verängstigt wird und sich unangenehme Erfahrungen besonders gut einprägt. Diese zusätzlichen Angstphasen sind wissenschaftlich nicht dokumentiert. Hingegen haben viele Züchter die Erfahrung gemacht, dass junge Hunde durch Phasen gehen, während derer sie sogar vor vertrauten Dingen Angst haben. Ein Hund, der von klein auf zweimal wöchentlich Mülleimer auf der Strasse sah, kann eines schönen Tages plötzlich Angst vor ihnen haben, die Haare aufstellen, sie anbellen und sich nicht in ihre Nähe getrauen. Dieses Verhalten sollte Besitzer nicht groß beunruhigen, geht es doch meist von selbst vorbei“, erläutert Lüscher und empfiehlt bei einem derartigen Verhalten eine sofortige Gegenkonditionierung mit Futter. „Angst kann mit einem Leckerbissen niemals verstärkt werden“, widerspricht der Verhaltensforscher altbekannten Argumenten einer traditionellen Hundeerziehung und betont immer wieder die Notwendigkeit einer voraussagbaren und berechenbaren Umgebung für den Welpen, die ein Hundeleben lang bestehen bleibt: „Es ist auch wichtig, dass die Umgebung aus der Sicht des Jungtieres berechenbar ist, und Konsequenzen seines Verhaltens vorhersehbar sind. Andernfalls ist das Tier nicht nur gestresst, sondern lernt auch bald, dass sein Verhalten keinen Einfluss auf die Geschehnisse in der Umwelt hat. Solche Tiere sind in einem Zustand einer erlernten Hilflosigkeit, und es ist oft sehr schwierig, ihnen etwas Neues beizubringen.“

FamilienmitgliedPraktische Tipps

Uber diese verhaltensbiologischen Aspekte hinaus gibt der Schweizer Wissenschaftler neuen Welpenbesitzern auch viele hilfreiche praktische Tipps mit auf den Weg.

  • Um die bekannte Problematik, dass Welpen mit Vorliebe Tischbeine, Stuhle, elektrische Kabel und sonstige Gegenstande benagen, zu umgehen, ist der vorsorgliche Einsatz von Bitter Apple Spray das Mittel der Wahl. Gefullte Futterspielzeuge bieten sich zudem als schnell akzeptierte Alternativen an. 
  • Die erste Nacht im neuen Zuhause kann der Welpe logischerweise weder allein noch in der Box verbringen, an die er ja zunachst gewohnt werden muss. Ist der Welpe im Bett des Besitzers nicht erwunscht, leistet eine nach oben offene Schachtel neben dem Bett gute Dienste. Eine beruhigende streichelnde Hand kann den Welpen so jederzeit erreichen. œ Ist der Welpe unbeaufsichtigt, muss seine Bewegungsfreiheit eingeschrankt werden! Dies dient insbesondere der Unfallpravention.
  • Um eine schnelle Stubenreinheit zu erreichen, muss der Welpe nach jedem Schlafen, Essen und Spielen unmittelbar die Gelegenheit bekommen, an einem passenden und erwunschten Ort Harn abzusetzen. Daruber hinaus ist eine genaue Beobachtungsgabe seitens des Besitzers erforderlich, um kleinen .Unfalleng zwischendurch vorzubeugen und den Welpen moglichst rechtzeitig ins Freie zu bringen.
  • Im Zusammenleben von Kindern und Welpen mussen klare Regeln aufgestellt werden: Wo ist wer erlaubt? Was ist erlaubt? Fur den Welpen muss eine Ruckzugsmoglichkeit vorhanden sein, die fur Kinder tabu ist. œ Egal wie gros das eigene Grundstuck ist: Der tagliche Spaziergang weg vom Haus ist ein existentieller Bestandteil des Hundealltags, der den genetisch verankerten naturlichen Erkundungsdrang des Hundes befriedigt, damit zahlreichen stressbedingten Problemen vorbeugen kann und zudem den Sozialisierungsprozess unterstutzt und fortsetzt.
  • Lernen durch Belohnung funktioniert optimal wahrend der Sozialisierungsphase! Diese Erkenntnis widerlegt die fruhere Meinung, die Ausbildung des Hundes erst im Alter von sechs Monaten zu beginnen. 
  • Feste Regeln, konsequente Reaktionen und Routine machen die neue Umgebung fur den Welpen vorhersehbar und bieten damit Sicherheit!