Darmverschluss beim Kaninchen

Darmverschluss beim KaninchenKaninchen werden als Haustiere immer beliebter: Sie sind ja auch wirklich überaus putzig – die süßen Öhrchen, das flauschige und weiche Fell und dazu die dunklen Augen! Häufig sind Kinder die stolzen Besitzer und wenn sie mich bei der Untersuchung des kleinen Langohrs mit ihren großen besorgten Augen ansehen, wird mir meine Verantwortung als Tierärztin wieder einmal doppelt bewusst. Ich bemühe mich dann besonders, den Ernst der Lage behutsam mit einfachen Worten zu erklären und gleichzeitig Zuversicht auszustrahlen. So auch beim Kaninchen der kleinen Hannah.

„Hoppel“ frisst nicht mehr

„Mein „Hoppel“ ist krank, er mag nichts essen und hoppeln will er auch nicht mehr“, erklärte mir das kleine Mädchen voll Sorge um das geliebte Haustier.
Hannahs Kaninchen war teilnahmslos, wollte sich nicht mehr bewegen und hatte aufgehört zu fressen. Im Käfig war auch kein Kot mehr zu finden. Alle diese Symptome können Ausdruck großer Bauchschmerzen sein und erfordern rasche Maßnahmen. Hoppel wurde einer gründlichen klinischen Untersuchung unterzogen und Hannas Mutter beantwortete die vielen üblichen Fragen – unter anderem: Wie lange ist das schon so? Hat das plötzlich oder schleichend angefangen? Wurde schon therapiert?
Beim vorsichtigem Abasten des Bauches konnte ich hinter dem Rippenbogen einen großen, geblähten Magen fühlen; also einen deutlichen Hinweis auf einen Darmverschluss mit sekundärer Magenanschoppung und -aufblähung. Ein Röntgenbild des Bauchraumes untermauerte die Diagnose und gab wichtige Anhaltspunkte für die mögliche Lage eines Fremdkörpers (Abbildung1). Bei Kaninchen erwartet man sich natürlich keine Fremdkörper wie kleines Spielzeug oder Steine oder Kastanien – wie dies bei Katzen und Hunden häufig vorkommt –, sondern hier handelt es sich meist um kleine Haarballen, sogenannte Trichobezoare, die vorwiegend im Dünndarm stecken bleiben und die normale Darmpassage verhindern, so dass es vor dem Hindernis zur Aufblähung des Darmes und auch des Magens kommt. Kaninchen können nämlich aufgrund des gut ausgebildeten Mageneingangsmuskels nicht erbrechen.

Schmerzmittel von Anfang an

Schon während der Abklärung bekommen Patienten standardmäßig ein Schmerzmittel und meistens auch eine unterstützende Infusion in die Vene. Sobald die Diagnose gestellt ist, wird die weitere Therapie besprochen. Abhängig vom klinischen Zustand des Kaninchens und auch von den finanziellen Mitteln der Besitzer kann ein chirurgischer Weg eingeschlagen oder eine medikamentöse Therapie eingeleitet werden. In vielen Fällen empfehlt es sich, nicht zu lange zu warten und das Kaninchen frühzeitig zu operieren. Aber auch die konservative Therapie kann in einigen Fällen erfolgreich sein – leider gibt es kein allgemein gültiges Rezept oder Protokoll.

Entscheidung für Operation

Wenn sich Kaninchenhalter nach Aufklärung über die Prognose und das Für und Wider eines chirurgischen Eingriffes für eine Operation entschieden haben – wie dies auch
„Hoppel’s“ Besitzer taten –, ist meist jede Minute kostbar. Denn die Sterberate im Zuge der
Narkose kann beim kranken Kaninchen bis zu
7,3 % betragen; es ist also wichtig, dass der Allgemeinzustand der Tierchen noch nicht zu sehr
gelitten hat. Kaninchen müssen im Bauchraum
im Zuge der Operation sehr behutsam behandelt werden. Insbesondere die Wand eines
großen geblähten Magens (Abbildung 2) kann
leicht einreißen, wodurch der Mageninhalt in
den freien Bauchraum gelangen und diesen
verunreinigen kann (Abbildung 3). In Folge
könnte eine gefürchtete Bauchfellentzündung
entstehen. Mit der notwendigen Expertise und
Technik und mit einem standardgemäß aus-
gerüstetem Operationssaal – eine chirurgische
Absauge sollte immer vorhanden sein – kann
man einen übergroßen Magen im kleinen Kaninchenbauch aber zumeist erfolgreich behandeln. Ist der Magen sehr groß, wird er als erstes via Magenschnitt entleert: Der zumeist breiig-flüssige Inhalt wird abgesaugt und jegliche Verunreinigung des Operationsfeldes wird vermieden.
Dann sucht man den Fremdkörper (Abbildung 4) und massiert ihn vorsichtig nach Möglichkeit aus dem Darm zurück in den Magen. Wenn das nicht geht, muss man einen kleinen Darmschnitt setzen. Dann werden beide Schnitte vernäht, der Bauchraum gespült und die Bauchwand verschlossen. Die Hautnaht ist am besten mit einer versteckten sogenannten intrakutanen Nahttechnik zu verschließen, da Kaninchen erfahrungsgemäß solche Wunden in Ruhe lassen und diese gut heilen.
Nach einer erfolgreichen Operation und einer gut überstandenen Narkose werden die Kaninchen zumeist ein bis zwei Tage stationär versorgt. Das postoperative Management beinhaltet Antibiotika, Schmerzmittel, Infusion, Peristaltik- anregende Mittel und falls notwendig Zwangsfütterung.
Auch „Hoppel“ blieb zwei Tage an der Klinik. Seine Entlassung war ein sehr schöner und befriedigender Moment – der Blick in Hannahs freudige Kinderaugen lohnte jede Mühe.